Numeralität

Numeralität Youssef Zemhoute

Numeralität ist unser zeitgenössisches Dilemma, das bis in alle Momente unseres individuellen und gemeinschaftlichen Lebens eindringt. Sie kann als das Gegenteil von Spiritualität verstanden werden. Der wesentliche Unterschied ist, dass die Numeralität literalistisch vorgeht. In ihr steckt der Glaube, das alles zählbar ist und mehr noch, alle Eigenheiten und Einflüsse durch Zahlen herbeigeführt werden können. Dennoch liegt ihre suggerierte Stärke darin, dass man sich mit ihrer Hilfe beliebig durch Zahlenfelder bewegt und in der Welt auch alles zählbar macht.

Wenn Sie ein zuverlässiger Mensch sind, kann man nicht nur auf Sie zählen; man kann Ihre Zuverlässigkeit zählen, indem man Häufigkeit und Intensität Ihrer Zuverlässigkeit ausrechnet. Ihre Gegenwart wird zur zählbaren Anwesenheit. Ihre Arbeit wird zur ausgedehnt zählbaren Zeit. Ihr Arbeitssinn verschwindet mit der Zeit, da jeglicher Sinn, der Zahlen unterworfen wird, mit der Zeit verschwinden muss. Zahlen haben nämlich einen basalen Unterschied zu Worten. Zahlen sind literal. Literalismus bezeichnet die Wortwörtlichkeit der Dinge, und in der Numeralität eben auch die absolute Kalkulation des Lebens. Was messbar ist, das existiert. Alles andere eben nicht.

Die Numeralität ist insofern gefährlich, als dass sie echte Lebenserfahrungen verhindert und Existenzen von innen nach außen (und vice versa) zerstört. Man kann über sie folgerichtig sagen, dass Sie vollständig fehl am Platze ist, da die Zählbarkeit der Dinge möglich ist, aber nicht sinnvoll.

Sie ist eine sinnleere, exponentielle Annahme inmitten von benummerten Zahlenfeldern. Gleichzeitig bedeutet sie den versteckten Glauben an die Zählbarkeit aller Dinge und Wesen. Die numeralen Mechanismen implizieren einen Zahlenglauben, der es erlaubt, alles auf seine numerale Grundlage zu erforschen und voranzutreiben. So schlussfolgern Menschen, dass Exponenten Exponenten verursachen. Man schafft die zählbare Literalität aller Dinge, was ich als numeralisieren bezeichne. Es erwächst aus dem Thanatos-Prinzip. Zahlengläubigkeit hat unsere Wirtschaft und unser Leben geprägt. Diese numerale Methode erkämpft sein Existenzrecht gegen Signifikanzen. Hierin besteht ein urmenschlicher Konflikt. Unsere sozialen Thanatoxien sind seine Resultate. Auf diese Weise entstanden schlechtere Produkte, Waren und Dienstleistungen. In der Gesellschaft hat die Numeralität mehrere Gesichter. Schwarze Pentagramme numeralisieren sich die Welt, um durch Zählbarkeiten Exponenten zu erreichen. Das Problem ist, dass Zahlen niemals an Zahlen gebunden sind, sondern an Signifikanzen, die von ihnen vernichtet werden. Schwarze Pentagramme präsentieren sich auf allen Märkten. Die Anzahl ihrer Mitarbeiter, die Höhe ihrer Gebäude und die Liquiditäten ihrer Tätigkeiten sind gleichfalls Hinweise auf ihre Numeralität. Sie sind aktiv, was Zahlen und Zählbarkeiten anbelangt. Ein Sinn sucht sich vergeblich. Alle fünf Sternspitzen des schwarzen Pentagramms sind numeral. Wer aufsteigen will, findet in ihnen Treppen, Leitern und Seile. Es genügt, eine exponentielle Zahlenkohärenz zu pflegen, nie schwach zu sein und seine Aufgaben abzuarbeiten, um eine erfolgreiche Karriere in schwarzen Pentagrammen hinzulegen. Für Ideen ist in ihnen kein Platz, sofern sie keine numerische Expansion manifestieren. Es wäre irrsinnig, Potenziale entfalten zu wollen. Potenziale transportieren Signifikanzen. Sie haben weniger Platz in schwarzen Pentagrammen als Ideen. […] Jede Sinnhaftigkeit numeralisiert sich […]. Wenn der suggerierte Exponent wächst, dann wird ein anderer Exponent größer. […] Sie jagen den suggerierten Exponenten so lange nach, bis sie scheitern. Die Arbeitswelt im schwarzen Pentagramm zersetzt das Selbstbewusstein, Reichtümer und Energien bis zu ihrer Nichtigkeit. Egomanie ist der rote Teppich […]. Sie agiert mit numeralem Habitus und beide nehmen sich nicht viel. […] Skalierbarkeit ist trügerisch. Auf ihren Spuren jagen Unternehmer einer numeralen Willkür nach, der sie mit aggressiver Impulsivität begegnen. Zahlen sind situativ und richten sich niemals nach den Zahlentheorien der Handelnden. Zahlen richten sich nach Sinn, was in der Numeralität unbegreiflich erscheint. […] Sinnhaftigkeit ist nicht literal. Sind Sinn und Sachverstand auf Zahlen ausgerichtet, gelten sie sicher als numeral. Dann sind sie de facto literal und nichtig. Der Literalismus ist ein ideologisches Merkmal der Numeralität. Er findet sich im Leben und in der Menschheitsgeschichte überall wieder. Für die Signifikanz braucht es ein Selbstbewusstsein und eine sensitive Intelligenz. […]

Auszug aus meinem Buch: Eine kleine Entrepreneuristik. Zemhoute,Youssef. Duisburg, 2018.

Wir müssen keine großen politischen, fiskalen oder sozialen Probleme und Schwierigkeiten betrachten, um die Numeralität zu entdecken. Ein präziser Blick ins eigene Leben genügt. Ist man tatsächlich von ihr ausgeschlossen, dann sollte man das Umfeld betrachten. Die Numeralität ist allgegenwärtiger als alles andere, was unsere Zivilisation hervorgebracht hat. Sie ist ein Stück weit an unseren Lebensstilen erkennbar. Schnell. Mehr. Viel. Immer weiter. Groß. Mehr. Viel. Schnell. Und aus diesem Rhythmus wird in kürzester Zeit. Schnell schnell schnell. Viel viel viel. Mehr mehr mehr.

Wozu die Numeralität führt, habe ich in meinem Buch skizziert, wobei ein Blick in unsere Wirtschaft mehr als genügt. In der Wirtschaft dominieren die Exponenten und numeralen Fürsten nur deshalb, weil es Menschen gibt, die sich der Numeralität unterworfen haben. Ohne Numeralität gäbe es wieder den kleinen Moment, der vielen Menschen heute so fehlt.

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