Muslimische Fehlinterpretationen | Ein Essay

 Muslimische Fehlinterpretationen Islam Muslime

Es erstaunt mich immer wieder, wie falsch religiöse Begriffe im und aus dem Arabischen verstanden werden. So übersetzen viele „3ibada“ als Gottesdienst anstatt als „Angebundenheit (an Gott)“. Das wirft einen völlig anderen Blick auf den gesamten Glauben und die Konstellationen der religionsinneren Verhältnisse eines Muslims. So ist die Bezeichnung „Gottesdiener“ völlig abwegig.
1. Gott braucht keine Diener.
2. Der „Abid“ (im Fiqh; msl. Jurisprudenz) war kein Diener oder gar Sklave, sondern ein „religiös angebundener“ Mensch, der ergo nicht ganz unfrei war. Der Muslim ist wie ein damaliger Sklave an den Willen seines Herrn gebunden, wie er selbst an den Willen Gottes gebunden ist. Dass er keinen eigenen Willen hat, steckt im Wort überhaupt nicht drin. Im Gegenteil ist „Muslim“ ein hingebungsvoller Gottesfreund, was seine Willenserklärung erfordert.
Im Kontext muslimischen Lebens liegt die Ehre der „ibada“ gerade darin, dass sie eine freiwillige Angebundenheit seitens des Menschens darstellt. Sie ist keine Bedingung für das Seelenheil – geschweige denn fürs Sozialleben -, sondern viel mehr die Bedingung dafür, sich an Gott anzubinden. Und das passiert nicht durch räumliche Bewegung, sondern durch persönliche Rezitation göttlicher Offenbarungen als Teil des alltäglichen Lebens; übrigens nicht als definierender Lebensanteil. Deswegen sind die besten „3ibada“-isten, kaputte Persönlichkeiten, die Rituale wie das Gebet hässlich erscheinen lassen. Weiter.

„Taqwa“ ist nicht Gottesfurcht, sondern „Gottesnähe“ im Sinne der göttlichen Gravitation im eigenen Leben. Während Furcht (Angst) uns von etwas oder jemanden abstößt, ist „Taqwa“ etwas Kräftiges, was uns Gott näher bringt. Gottesnähe ist folglich die bessere Übersetzung, aber nicht die einzige. Die meist erwähnte „Gottesfurcht“ erachte ich persönlich als unangebracht und fatal, weil sie Gott auf einen einzigen seiner Namen reduziert. Das erzeugt „khaouf“ (arab. „Angst“), womit die Beziehungsfrage bewusst wie unterbewusst geklärt ist; man verdrängt Gott oder weist ihm nur im schlechten Handeln eine Rolle zu. Für viele Muslime ist Gott unterbewusst ein Autokrat, der Verbote teuer bestraft. Fatal ist übrigens noch eine harmlose Beschreibung hinsichtlich der theologischen und metaphysischen Konsequenzen dieses Gottesbildes. Gott wird nämlich zu einem strafenden Wesen gemacht, dass ihn völlig vermenschlicht. Gott hat weder Strafe, Rache, noch sonst irgendetwas nötig, dass sich Menschen einbilden.

Auch wenn es übrigens „huwa“ heißt, bedeutet es nicht, dass Gott ein Mann ist. Im Gegenteil handelt es sich um eine Substantivierung der semantischen Essenzen. Huwa al-haqq! (Er ist die Wahrheit) Huwa al-Karim! (Er ist die Großzügigkeit!) Im Deutschen bekommen wir überwiegend feminine Bedeutungen, was nicht ganz abwegig ist. Allah vergleicht sich nämlich nirgends im Koran mit dem männlichen Geschlecht, sehr wohl aber mit dem weiblichen Geschlecht. So vergleicht er sich und seine Barmherzigkeit (die alles dominierende Eigenschaft bei Ihm) mit den Herzen von 40 Müttern, ergo Damen (Hadith). Das heißt, Gott vergleicht sich mit gebärenden, weiblichen Wesen, die etwas zur Welt gebracht haben. Gott vergleicht sich nicht mit Vätern. Gott vergleicht sich nicht mal mit einem starken Krieger oder königlichen Herrscher. Das muss man sich als Muslim mal auf der Zunge zergehen lassen, besonders wenn man in einer misogynen Gesellschaft lebt. Weiter.

Gott, Allah, redet davon, dass er auf die Herzen schaut. Warum in Gottes Namen ist die Materie in religiösen Belangen unser Hauptthema? Ich meine nicht, dass es keine Materie gibt, sondern, dass die Religionspflege ganz klar materiell ausgerichtet ist und alles, was uns dominiert materiell vorhanden ist. Ist das nicht der Fall? Zeigen Sie mir, was Sie tragen, was Sie sagen, mit wem Sie leben und ich beweise Ihnen, wie sehr all diese Materie auf Ihr materialistisches Bewusstsein hinweist. Natürlich sind Körper Materie; die Frage ist, was dominiert bei Ihnen? Materie oder Immaterie? Die Quantenphysik hat schon längst herausgefunden, dass Immaterie Materie bestimmt. Und Sie glauben noch immer, dass Materie Immaterie bestimmt. Das heißt, dass die Materialität der Dinge, die Sie wollen, Ihr inneres Befinden bestimmt. Glauben Sie das nicht? Moderne Menschen leiden unter diesem materialistischen Paradigma. Mit Muslimen ist dieses weltanschauliche Problem nicht anders bestellt. Sie haben es ebenso verinnerlicht.

Der Begriff „Dschahiliyya“ ist noch interessanter in seiner historischen Verwendung. Damals (die ersten 700 Jahre des Islam) galt jemand als „Dschahil“, der sich in einer „unmenschlichen Bewusstheit“ befand. Das heißt, dass es keine Bildungsfrage war, sondern lediglich eine Frage des wa3y (arab. „Bewusstheit“). Heute haben wir den literalistischen Begriff der „Unwissenheit“, was ganz klar falsch ist. So sind einige große Figuren unter Muslimen – mehr oder minder anerkannt – wissend, aber sie sind stets in eben dieser „unmenschlichen Bewusstheit“ gefangen. Das erkennt man daran, dass sie von namentlichen „unmenschlichen Bewusstheitsparadigmen“ nicht befreit sind. So leiden sie unter einer erheblichen Körperlichkeitsschau, einem hypersexualisierten Bewusstsein. Sie können Männer und Frauen nicht als Menschen identifizieren. Es wird immer sexuell konnotiert. Alles Körperliche bekommt in ihrem Leben eine immer währende Wirksamkeit. Daher sind jene so genannten Wissenden stets in einer sexistischen bzw. hypersexualisierten Rhetorik gefangen, die es nicht schafft, aus ihrer Körperlichkeit herauszukommen. Für sie ist die Körperfrage, die bedingende in allen anderen Fragen. Und diese Befreiung des Religiösen vom Spirituellen ist zu einer Katastrophe geworden, wenn man es rückblickend beschaut. Man muss lediglich sehen, wie alte Wissenschaftler arbeiteten und wie die heutigen arbeiten bzw. in ihrer „unmenschlichen Bewusstheit“ konkrete Themen auslassen, weil sie ihnen nicht in den Kram passen, obwohl sie vor Jahrhunderten ebenso gewürdigt wurden wie andere Themen. Diese existente „Dschahiliyya“ unter Muslimen und „Religionsführern“ führt auch zu diesem Irrsinn der Besonderheit des weiblichen Körpers. So wird aus jeder Frau, die nichts anderes als ein Mensch ist, ein körperliches Ereignis, folglich die maximale Erlebbarkeit des Körperlichen für das hypersexualisierte Mannesbewusstsein. Mit dem gleichen Blick schauen manche Männer auf andere Männer, was viele muslimische Männer wiederum zur Abscheu geleitet, nicht wegen der scheinbaren Homoerotik, sondern weil es etwas von sodomitischem Charakter hat, der – im Koran – als Vergewaltigerkult umschrieben wird.

Der Begriff der „Gelehrten“ (arab. ‚ulama; ‚alim) ist ebenfalls eine literarische Katastrophe. Das Wort ‚alim war stets eine aktive Sache. Ein Lerner galt zu alten Zeiten bereits als ‚alim, was man bestens darin erkennt, dass man immer sagte, wenn man überhaupt eine Antwort gab: „wa Allahu a’lam“ (arab. „Allah weiß es am besten“). So wurde das absolute Wissen stets Allah zugeschrieben und kein Mensch galt als „ma’lum“ (arab. gelehrt), denn das hieße auch in der arabischen Linguistik, vollendetes Wissen. Mit der Islamologie wäre das nicht vereinbar. Es gibt unter Menschen kein vollendetes Wissen, besonders nicht in sozialen Fragen, weil sie stets der Interpretation bedürfen. Man kann keine ähnliche Sozialfrage zentral für zwei Menschen aus zwei verschiedenen Weltorten beantworten. Man kann es tun, aber diese Antwort ist in höchstem Maße beiderseits mangelhaft.

Kommen wir noch zu einem weiteren Begriff, den ich beileibe nicht begreife. Es handelt sich um das Adjektiv „islamiy/islamiyya“ (arab. islamisch). Hier können wir es eindeutig auf maximal 250 Jahre zurückverfolgen. So entstanden „Jama’at islamiyya“, was so viel bedeutet wie „islamische Gemeinden“, aber was will man mit „islamiy“ hier sagen? Ich verstehe es nicht. Eine Gemeinde besteht aus Menschen und in diesem Falle wären es Muslime und Musliminnen. Dadurch dass man „islamiy“ sagt und schreibt und kommuniziert, verleiht man einer Menschengruppe eine religiöse Konnotation. Das mag man auf dem ersten Blick als Lappalie erachten, doch ist sie tatsächlich ein ideologisches Problem von vielen Wissenschaftlern. So könne man nun heute aus aller Welt etwas Islamisches machen, da es sich anscheinend um ein Label handelt, oder um einen Brand. Es gibt „islamische Wissenschaften“, „islamischen Kuchen“, „islamisches Verständnis“ (sehr lächerlich), „islamisches Banking“, etc. Es stellt sich als eine Farce heraus, wenn man ein wenig seinen Verstand benutzen würde. Der Islam ist keine Marke und kein Label, und man kann Dinge nicht „islamisieren“. Das ist weder mit der ‚Aqida (islamol. Gottesbild im Koran), noch mit der Kosmologie vereinbar. Islam ist ein Hut, der auf jedem Kopf, eine andere Gestalt annimmt. Heute haben wir einen Islam, der mehr einem Helm ähnelt; hart, gegossen und unformbar. Warum sage ich das? Der Islam rückt eine göttliche Beziehung zwischen Max Mustermann und Allah ins Zentrum. Diese Beziehung hat nichts mit anderen Menschen zu tun und auch nichts mit dem realen Leben von Max Mustermann. Wenn diese Beziehung nicht begonnen wird, dann existiert sie nicht. Und der Mensch zeichnet sich in diesem Kontext durch seinen freien Willen aus. Folglich mag man „islamisch“ aussehen und wirken und reden, aber das macht keinen zum Muslim. Entschuldigen Sie, dass ich das so knallhart schreibe! Aber viele verstehen es nicht. Die Ideologie, die sich dahinter verbirgt, ist ein latenter Islamismus, den wir Muslime gemeinsam anfechten müssen, denn er existiert überall unter uns. Der Islam ist offen und seine Quellen sind in ihrer Ganzheit offen für allerlei Interpretationen. Und diese Interpretationen offenbaren sich in einer fabelhaften Fülle, die logisch und nachvollziehbar ist. Ich werde niemals wie ein Malaye leben und auch niemals wie ein Saudi-Araber. Und das ist in Ordnung, denn höchstwahrscheinlich will weder dieser Saudi-Araber, noch dieser Malaye wie ich leben. Ich weiß selbst nicht, wie mein Leben verlaufen wird und ich möchte mir mein Schicksal nicht ideologisch zurechtstutzen. „Islamisch“ ist außerdem ein gefährliches Wort, weil es suggeriert, dass es eine allgemeine Klarheit darüber gäbe, was „islamisch“ sei. Glauben Sie mir, die gab es nie! Und wenn es sie doch gibt, dann hat sie weniger mit dem Islam als mehr mit einem arabisierten Weltbild zu tun. Um Arabertum und Wüste geht es im Islam aber nicht, sondern um eine religiöse Quelle für die zahlreichen Lebenswege der angesprochenen Menschen. Sie stehen immer der Interpretation offen und kein Literalismus wird dies ändern oder reduzieren können. Hat der einzelne Muslim seine Beziehung zu Gott aufgenommen, so ist er angehalten, seine muslimische Gemeinschaft zu würdigen und die prophetischen Traditionen zu leben, wie er auch angehalten ist, in der ganzen Gesellschaft als Muslim zu wirken; vorwiegend als nützlicher Mensch, mit mehr oder weniger Makeln wie jeder andere auch. Seine Aufgabe ist nicht die Prophetie, nicht das Priestertum oder gar der Vertrieb traditioneller Trachten. Das ist alles extremistischer Müll aus dem Saudi-Arabien des 18. Jahrhunderts.

Der Begriff „Ungläubiger“ ist ebenfalls sehr interessant. Ursprünglich handelt es sich um einen römisch-katholischen Begriff, der heute von Christen kaum benutzt wird. Das kann man sich dadurch erklären, dass die Muslime diesen Begriff populär dominieren. Wer nicht Muslim ist, sei Ungläubiger. Das arabische Wort „kafir“ hat mit Unglauben nichts zu tun. Im Gegenteil handelt es sich um ein Verhalten innerhalb einiger Kontexte. So ist „kufr“ eher als „Undankbarkeit“ und „Ungehorsam“ zu verstehen, die man gegenüber Gott (im musl. Verständnis) auslebt. Um Kafir zu sein, muss man Kufr begehen. Kufr bedarf eines spirituellen Bewusstseins jenseits des materiellen Verständnisses. Das heißt, die Bedingung, die man stellen muss, um ein „Kafir“ zu sein, ist bei den meisten Menschen nicht gegeben, da sie stets eine innere, spirituelle Affinität besitzen, sofern sie nicht kriminell sind. Die meisten Menschen haben einen Kinderglauben tief in sich begraben, den sie – je nach Gesellschaft und Konvention – zeigen oder verbergen. Von „Ungläubigen“ zu sprechen, ist in erster Linie sehr falsch und in zweiter Linie eine fatale Angelegenheit für einen Muslim. Das bedeutet nämlich, dass er sich nie die Mühe machte, etwas Arabisch zu lernen und die Terminologien zu verstehen. Es handelt sich mittlerweile eher um einen politischen Begriff. So ist es leicht als Muslim Menschen anderen Glaubens zu beleidigen; man nenne sie Ungläubige. Ein Muslim beleidigt aber andere Menschen nicht. Im Gegenteil sind Muslime – Jahrhunderte vor unserer Zeit – diejenigen gewesen, unter denen fremde Völker sich am liebsten aufhielten. Übrigens ist jeder Muslim zum „Kufr“ fähig, was wir anhand dieser vorgestellten Missinterpretationen sehen können. Hier würde ich aber eher den Begriff „ghafla“ benutzen, der übersetzt so viel bedeutet wie „unverschämte Nachlässigkeit (für einen Menschen)“, was gut passt. „Kufr“ und „Kafir“ sind Begriffe, deren falsche Übersetzungen die größten Schäden anrichten, die aber auch anzeigen, wie ideologisiert viele Muslime sind.

Es gibt solcher Begriffe unentwegt viele. Sie tangieren alle einen ideologischen Überbau und ich bin traurig, dass für viele Menschen der Reichtum innerhalb des heiligen Buches namens Koran nicht sichtbar ist bzw. durch schwache Popularität, von Kampfbegriffen und Missinterpretationen all dies bedeckt wird. Die genannten Übersetzungen sind nicht nur falsch, sondern völlig ausgeschlossen. Sie entstanden durch dogmatische Lesarten junger Wissenschaftler, sowohl aus Europa, als auch aus muslimischen Studienorten, die sich die europäischen Ideologien aneigneten, die definitiv als gottlos bezeichnet werden können. Ich für meinen Teil wollte hiermit darlegen, wie weit entfernt die moderne Pop-Kultur-Islam vom historisch unberührten Islam entfernt ist. Es hängt allerdings auch damit zusammen, dass Muslime sich nicht den Konformismen widersetzen, in denen sie aufwachsen. Dazu gehören alle Systeme unserer deutschen Gesellschaft, insbesondere die medialen Systeme, die muslimischen Strukturen und der populistische Journalismus, sowie die Angriffe durch rassistische Publizisten.

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