Die Kluft zwischen Deutschen & Türken

deutschtürkische Beziehungen Youssef Zemhoute

Die deutsch-türkischen Beziehungen haben sich in ihrer Komplexität in den letzten 200 Jahren potenziert. Heute haben wir eine evidente Feindseligkeit im öffentlichen Diskurs, die vor allem der Berichterstattung geschuldet ist. Im Folgenden möchte ich einen Grund, der politischer Natur ist, abarbeiten. Die politische Frage dreht sich um den Mythos der Nation. Was ist eine Nation? Zuvor definierte sich eine Nation nach französischen Parametern, mit Idealen, die eine Volkszugehörigkeit – jenseits des Blutes – transzendiert. Das heißt, dass jeder Nationalstaatler sich seiner Nation als idealen Ort persönlich-kollektiver Entfaltung vergewisserte. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, hieß es in Frankreich. Diese Ideale waren insbesondere für die Kolonialisierung seitens europäischer Staaten wichtig, da die ersten Händler, Pilger, Missionare bereits erkannten, dass alle Welt sich überaus plural entwickelte. Die Nation hat den Vorteil der Klarheit gegenüber multikulturellen Völkern, die vor allem unter Monarchen und Fürsten lebten. So bestach man die königlichen Eliten mit technischen Fortschritten und eroberte die Bevölkerung mit Ideen aus christlicher Theologie und europäischem Idealismus. Das ist die Kurzfassung, für die ich mich bei allen Historikern entschuldige.

Schauen wir uns nun Deutschland und die Türkei als Nationen an, dann werden wir bei den jüngsten Traumata feststellen, dass es einen radikalen politischen Unterschied gibt. Es geht einerseits um die Kriege, andererseits um die Zeiten danach. Während im Ersten Weltkrieg (1914-1921), die Türkei als Nation erst entstand, sich quasi während diverser Schlachten und Kämpfe solidarisierte, gab es bereits diverse nationale Ideen unter den türkischen Kommandanten (insbesondere Mustafa Kemal Atatürk). Allerdings war die Position der ex-osmanischen Streitkräfte (Türken, Kurden, Syrer, Araber, Palästinenser, etc.) deutlich besser als die der deutschen Streitkräfte. Das Deutsche Kaiserreich musste im Ersten Weltkrieg viele frankophile Unrechtsverträge schlucken, die vor allem in Westfalen für Schwierigkeiten sorgten. Hingegen haben die ex-osmanischen Streitkräfte an 5 Fronten gegen Russland, England, Frankreich, Armenien und sogar gegen saudi-arabische Stämme kämpfen müssen. Letztere waren dafür verantwortlich, dass die mekkanische Königsfamilie ins heutige Jordanien vertrieben wurde. Nach diesen erfolgreichen, aber sehr blutigen Schlachten und Kämpfe brauchte es diplomatisches Geschick. Dieses Geschick bewies Mustafa Kemal Atatürk mit seinen traumatisierenden Reformen. Meines Erachtens waren sie viel zu schnell, andererseits entzog er den europäischen Kolonialstaaten sowohl die religiöse als auch die philosophische Grundlage für eine Fortsetzung des Krieges. Atatürk verschrieb sich und das gesamte türkische Volk – das er übrigens explizit nicht völkisch definierte – als unabhängig, souverän und EMANZIPIERT. Dieses Signal war eine unmissverständliche Botschaft an die Briten, an die Franzosen und eben auch an die Russen, die bereits innenpolitische Schlamassel ausfechten mussten.

Kurz gesagt, hat die Türkei – durch Atatürk – sich selbst traumatisiert, um die eigene Unabhängigkeit zu wahren. Deutschland wurde im Ersten Weltkrieg traumatisiert, hat sich größtenteils innenpolitisch weiter traumatisiert, seiner breiten Mündigkeit selbst enthoben, und ist den Rattenfängern in die Hände getrieben worden, die wir historisch rückblickend als Nationalsozialisten kennen. Dieser rassifiziert faschistoide Kult hat deutsche Soldaten und deutsche Kinder als Kanonenfutter benutzt, sich teilweise nachkriegszeitlich abgesetzt (Argentinien) und für ein noch grausameres Trauma (die Shoa) gesorgt. Nun möge man anführen, dass die Türkei die armenischen Massendeportationen, Massaker und Vernichtungen (1908 – 1916/1917) zu verantworten habe. Allerdings muss man hierbei klarstellen, dass es die Türkei als Nation erst seit 1923 gibt. Abgesehen von dieser juristischen Feinheit waren die Massaker einem ex-osmanischen Pfortenprokuristen namens Enver Pascha zuzuschreiben, der auf eigene Rechnung viele Grausamkeiten während des Ersten Weltkrieges zu verantworten hatte. Zudem ist er im Gegensatz zu den meisten anderen geflohen und wurde später von einem Armenier ermordet.

Aufgrund der kaum debattierten Traumata der deutschen Nation (seit 1871) gibt es ein verbuddeltes Deutschsein, das nur beim Nationalfussball und bei der Konfrontation mit nationalen Fragen auftaucht. Die Türkei spielt hierbei eine große Rolle. Die deutsch-türkischen Beziehungen waren der 100-Zylindermotor des Wirtschaftswunders der 1960er-Jahre. Es gab in Deutschland faktisch kaum Männer, und die wenigen, die es gab, waren zum Malochen unwillig oder aber ungeeignet. Die Trümmerfrauen sind natürlich als Leidtragende zu bedauern, aber die Straßen gepflastert, die Autobahnen saniert, die Innenstädte planiert haben Ali, Mehmet und Mustafa, aber auch Giuseppe, Pablo und Yanis. Zudem hat die Konfrontation mit anderen Kulturen zu einem höheren Selbstwertgefühl der Deutschen geführt, da sie täglich mit anderen Kulturen konfrontiert waren, sich ausgetauscht haben und irgendwie auch freuten. Der Begriff Gastarbeiter war völlig abwegig und ungünstig, aber gäbe es keine Gastarbeiter, gäbe es nicht das heutige Deutschland und womöglich auch keinerlei Solidarität zwischen Ost und West (s. Solidaritätszuschlag türkischer Einwanderer & Einwanderinnen über die Rente 1990). Die Nationalsozialisten haben mit ihrer völkischen Ideologie die deutsche Nationalität vergiftet. Während Goethe seine Nation als kommunikativ ebenbürtig mit der persischen Literatur erachtete, und sogar ein Meister Eckhart nicht vor fernöstlichen Kulturen zurückwich, haben die Nazis von völlig hirnrissigen Dingen gesprochen und den Heiligen Gral gesucht anstatt sich um die Würde ihrer Bürger zu kümmern. Die türkische Nation unter Atatürk hat ein gesundes Selbstbewusstsein bekommen und sich posthum entgegen der Feindseligkeiten („kranker Mann am Bosporus“) als überaus souverän erwiesen. Es gab keinen Marshall-Plan und keine Besatzungszonen. Nach der Staatsgründung der Türkei zogen sich die Angreifer zurück, denn sie waren des Kämpfens müde. Und Atatürk ebnete den Weg für die Türkei wie sie heute wieder geworden ist. Selbstbewusst und souverän! Das war sie lange Zeit nach seinem Tode nicht.

Aus Deutschland sehen volle Straßen, Aufmärsche und Reden nach Hitlerjugend aus, aber andere Staaten, andere Geschichten. Obwohl ich den aktuellen Umgang mit Journalisten, Richtern und Rechtsanwälten keinesfalls nachvollziehen kann, muss ich dazu sagen, dass ich nirgends einen Beweis für die vielen Einsperrungen finden konnte. Daher bitte ich um Kommentare mit Hinweisen. Zudem muss man bedenken, dass in der Türkei jährlich seit 2015 300 bis 500 Anschläge gegen Zivilisten stattfinden. In Deutschland würden in solch einer Situation nicht nur Heime, sondern womöglich auch Gebeine brennen. Die Türkei hält sich tapfer, wenn auch ungeschickt. Nichtsdestotrotz kann man mit einem Staat kooperieren, denn kein Staat ist perfekt. Schließlich gibt es noch das US-amerikanische Guantanamo, französische Beziehungen zum drei-geteilten Libyen, und deutschen Waffenhandel nach Zentralafrika. Unschuldig ist folglich kein Staat. Um diese Nachlässigkeiten zu überwinden, hilft ein starkes Selbstbewusstsein, das die Würde aller Menschen anhebt. Das geschieht in der Türkei, worin die Öffentlichkeit noch sehr plural und gespalten berichtet. Wir können von einer solchen Pressefreiheit in Deutschland nur träumen, obwohl sie bei uns auch übers Internet stattfindet. In der Türkei unterscheiden sich die Fernsehsender wie Tag und Nacht. In Deutschland hat man Satire, Nachrichten, Pop und Kabarett, wobei alle vier sich in politischen Fragen immer einig sind. In der Türkei geht es um den Fortschritt der Nation, nicht um islamistische Bestrebungen, zumal die Türken in ihrer Geschichte nie dem Fundamentalismus anheim fielen, was ich sehr schätze. Die türkische Nation ist eher sufisch als islamistisch geprägt. Das merkt der ein oder andere Deutsche, wenn er mal bei seinen türkischen Nachbarn vorbeischauen würde.

Warum sind deutsch-türkische Beziehungen so wichtig? Ganz einfach! Wegen der Lage der Türkei. Egal wie sich Deutschland entwickelt, wie sich China entwickelt oder die USA, Nationen sind nicht mobil. Die Türkei ist mit 3 unterschiedlichen Kontinenten verbunden, wobei sie gleichzeitig die Verbindung darstellt. Mit anderen Worten wünscht sich die Türkei die EU (ergo auch Deutschland) als Partner, um nicht mit US-Amerikanern um die EU herum kooperieren zu müssen. Nur ist die EU so uneinig, dass es sich schwierig gestaltet. Gingen wir in Deutschland mit gutem Beispiel voran, würde es bei allen anderen um uns herum ebenfalls klingeln, und wir hätten eine Nachbarschaft, die sich morgendlich grüßt, einlädt und gemeinsam sogar prosperiert. In Sachen Menschenrechten fangen wir vorbildlich bei uns selbst an, indem wir die Souveränität anderer Staaten nicht mit juristisch raffinierten Waffenlieferungen zu Grunde richten. Dann können wir die Türkei schulen. Bis zu diesem Tag machen wir uns mit jeglicher Kritik lächerlich und bigott.

Die Frage heute im Jahre 2018 sollte folglich weniger sein, wie es um die deutsch-türkischen Beziehungen steht, sondern wo sie sein sollen; in 5 Jahren, in 10 Jahren und in 50 Jahren. Ich sehe sehr gute Chancen, insbesondere für Europa. Wir müssen uns vom erhobenen Zeigefinger verabschieden und die Hände zum Winken heben. Händeschütteln müssen wir nicht sofort, auch wenn wir das zur Zeit eifrig mit Saudi-Arabien tun. [Mehr zum Thema hier => Büchlein]