Niederlagen tun Deutschland gut!

Deutschland WM 2018 Youssef Zemhoute Kommentar

Ein Kommentar von Youssef Zemhoute

Deutschland in der WM 2018. Ich sage es nicht gerne, aber Niederlagen tun Deutschland gut. Ich meine nicht, die deutsche Fußballnationalmannschaft. Ich meine nicht Kroos und Reus, oder Özil und Gündogan. Ich rede auch nicht von Manuel Neuers Kämpfergeist, der manchmal gefährlich ist. Nein, ich meine vor allem folgende Kreise, wenn ich von einer Niederlage für Deutschland spreche: die deutsche Politik, die deutsche Presse, die deutschen Ex-Fußballer, und alle schlechten Verlierer in Deutschland. Als echter Fußball-Fan muss man immer zu einer Mannschaft halten, auch wenn sie verliert. Das fehlt ein wenig in unserer Kultur in Deutschland. Es gibt eine subtile Arroganz, die  nun auch im deutschen Fußball zerbrochen ist und das zu Recht, wie ich finde. Historisch war diese Niederlage gewiss und eine Situation, aus der wir viele Lehren ziehen können.

Deutschland ist eben nicht „Weltmeister“, und das ist auch gar nicht schlimm. Die WM ist da, um sich alle vier Jahre erneut zu messen und ein schönes Spiel zu machen. Da es sich um Nationalmannschaften handelt, ist mentale Stärke besonders wichtig. Und die haben wir hier in Deutschland unserer Nationalmannschaft NICHT gegeben. Wir haben total versagt, auf allen erdenklichen Ebenen. Ob Prominenz oder Presse, ob Fan oder Erfolgsfan, wir haben nicht zur Mannschaft gestanden. Ganz und gar nicht! Es wurden einzelne Kandidaten, wie Özil und Gündogan, aber auch Kroos und Neuer angegriffen, was ich nicht verstehen kann. Besonders nicht von Ex-Profis, die wissen, wie wichtig mentale Stärke ist. Als Mentaltrainer habe ich überhaupt kein Verständnis für diesen entwürdigenden Umgang mit ausgezeichneten Spielern, die natürlich antreten, um hervorragend zu spielen. Das geht nicht mit so viel kommunikativen Ballast und mit dieser ganzen Presse im Rücken. Schließlich sind es Fußballer in einem internationalen Turnier und keine Boxer à la Muhammad Ali, die für sich selbst kämpfen.

Für wen haben sie gespielt? Eine berechtigte Frage. Für ein rassistisches, türkenfeindliches, rechtes und verarmendes Deutschland das sich selbst gerne überschätzt und als unangefochten kommuniziert? Wie will man erfolgreich so eine Nation verteidigen angesichts einer sich stark bessernden Welt? Das Spiel der Südkoreaner war keine Glückssache, sondern hart erkämpft. Wir können uns für die Südkoreaner freuen, weil sie so gut spielten. Was mich hier in Deutschland beschämt, ist diese Unehrlichkeit in der öffentlichen Kommunikation und dieses überhebliche Selbstbild. Daher erachte ich diese Niederlage, obwohl ich für einen Sieg der Jungs gewesen bin, als eine tolle Chance, damit wir etwas aufräumen. Mit dem Rassismus in Politik und Gesellschaft, mit dem Dilettantismus und mit diesem Nationaldruck in der Presse. Da täte jeder gut daran, sich selbst und seinen Charakter zu bilden, sich Wissen anzueignen und zu akzeptieren, dass Deutschsein nichts mit Hautfarbe, Herkunft und vermeintlicher Rassentheorie zu tun hat.

Mentale Stärke hat im Sport einen sehr wichtigen Aspekt; das Rückenstärken. Stehen der Trainer, die Mannschaftsspieler, die Nation hinter ihnen oder nicht? Jetzt frage ich Sie: hatten Sie den Eindruck, das man zur Nationalmannschaft hielt? Ich nicht. Überhaupt nicht. Ich finde aus diesem Grund gut, dass sie überhaupt für Deutschland auf den Rasen gingen. Daher ein Dankeschön von mir an dieser Stelle!

Bevor unsere Nationalmannschaft verloren hat, haben wir alle schon längst verloren. Rechtsradikalismus, AfD, Türkenfeindlichkeit, eine schlechte Presse und eine tragische Innenpolitik mit feindseligen Parolen. Für diese Verhältnisse in Deutschland haben unsere Jungs sehr gut gespielt, finde ich. Niederlagen sind wichtig, um sich neu auszurichten. Ich meine auch hier nicht die Mannschaft, sondern uns alle. Einfach diesen Druck rausnehmen, dass man gewinnen müsse, Sieger auf Lebenszeit sei und Deutschsein eine Freikarte für den Sieg ist. Das ist Deutschsein, wie wir an unseren politischen Verhältnissen sehen können, definitiv nicht. Wir haben eine Menge Probleme, und die wollten wir dieses Jahr teilweise im Fußball ausfechten. Das Ergebnis ist: eine mental zerrüttete Nationalmannschaft. Abschied aus Russland!