Hören Sie auf, Deutsche als Nazis zu bezeichnen

youssef zemhoute

Anlässlich großer Verwirrungen und Ängste, sind viele Menschen emotional aufgewühlt und sie neigen dazu, sich in Grabenkämpfen auszutoben, in denen es nicht um Argumente, sondern um Gefühle geht. Dabei ist der Redestil so unreflektiert, dass jeder glaubt, er argumentiere. Wenn Deutschland und seine Gesellschaft anstrebt, fortan als Gesellschaft zusammen zu wachsen und in Würde zu leben, dann sollten wir gewisse Gewohnheiten loslassen. Eine schlechte Gewohnheit ist, dass wir deutsche Menschen als Nazis bezeichnen.

Nazis (Kurzform von „Nationalsozialisten“) sind im 2. Weltkrieg zu 99,9% gestorben und viele von ihnen wurden gehängt. Es waren keine Bevölkerungen, sondern eine elitäre Einheit von Menschen, die Bilder und Ideen benutzt haben, um Macht zu generieren. So entstand „die deutsche Frau“, „der deutsche Adler“ und „die deutsche Einheit“ in der Nazi-Rhetorik. Die Menschen, die heute leben, haben ein Bewusstseinsproblem. Und ich meine alle Menschen, die in Deutschland leben und weltweit. Ich rede nämlich noch immer von der Bevölkerung.

Jene Menschen fühlen sich lediglich missachtet und verunsichert, genau wie viele andere auch. Und sie gehen damit um, indem sie gewissen Strömungen folgen. Ich kenne viele Menschen, die einer Strömung folgen, wenn sie die Gefühle enthält, die sie haben, aber nicht auszudrücken wissen. Rassismus gibt es. Bei den täglichen Nachrichten ist es schwer, das zu verleugnen. Es gibt auch Rassisten, Menschen, die glauben, dass die Herkunft etwas mit krimineller Aktivität zu tun hat. Aber wenn man jemanden einen Namen gibt, der überhaupt nichts mit ihnen zu tun hat, dann projiziert man.

Psychologisch passiert dann folgendes von zwei Dingen: A. Der Mensch übernimmt und verinnerlicht die Projektion. B. Der Mensch fühlt sich schuldiger und wird depressiv. Beide Konsequenzen sind nicht sehr angenehm und schmeichelhaft. Daher erachte ich es als notwendig, dass die Parolen und dieser Begriff verschwinden. Ich mag es nicht als Kümmeltürke oder Molukke bezeichnet zu werden, und genauso wenig möchte ich andere Menschen als Nazis bezeichnen.

Zudem muss ich auch dazu sagen, dass meine Großeltern keine Mörder gewesen sind oder bei Massenmorden, Pogromen und Oppressionen zugesehen haben. Und wenn sie es wären, so trage ich nicht ihre Schuld. Ebenso wenig tragen die deutschen Menschen, die heute leben, die Schuld für die Taten ihrer Vorfahren. Wenn die breite Gesellschaft das begreifen würde, dann sähe die Öffentlichkeit mit ihren Stigmatisierungen sehr schlecht aus.

Es gibt Generationen, die mit Guido Knopp Nazi-Dokumentationen aufwachsen mussten und regelrecht nationalsozialistisch erzogen wurden. Auch das ist nicht von Vorteil gewesen. Die Nazis haben vielleicht de facto 13 Jahre regiert. Die deutsche Geschichte ist 1300 Jahre alt. Wie kommt es, dass man nur von Nazis spricht? Ich finde das sehr faschistoid, die deutsche Identität auf die grausamste Zeit zu reduzieren.

Von daher halte ich nichts davon, Deutsche als Nazis zu bezeichnen. Ich finde, es sollte eine juristische Vorgehensweise bei Beleidigungen oder Angriffen geben, aber keine Debattenkultur der gegenseitigen Stigmatisierung. Das Schöne am Deutschsein ist, dass man es nicht definieren muss, so lange es in der deutschen Sprache formuliert ist. Wer es für sich definieren möchte, der muss es nicht anderen überreichen, es sei denn, es geht um kulturelle Zerstreuung. Aber diese Nazi-Keulerei, davon halte ich überhaupt nichts. Das ist fast so ekelhaft, wie jemand, der einen daran erinnert, was man vor 10 Jahren mal Schlimmes gemacht hat, mit dem Unterschied, dass man es eben nicht gemacht hat.

Die Schuldfrage stellt sich bezüglich der heute lebenden Deutschen für mich nicht. So lange jeder das Grundgesetz achtet und Menschen mit Respekt begegnet, ist alles in Ordnung. Man darf sich nur nicht wundern, dass Menschen extremistischer werden, wenn man sie beleidigt und der Begriff „Nazi“ ist eine Beleidigung. Nicht jeden, der „Marokkaner sind alle kriminell!“ schreit, muss man ernst nehmen. Ich sage das übrigens als marokkanisch stämmiger Bürger. Und genauso wenig nehme ich Leute ernst, die behaupten „Deutsche sind alle Nazis!“. Und ich nehme auch Menschen nicht ernst, die behaupten „Türken sind alle Faschisten!“. So leicht ist das Leben nicht, liebe Leute.

Es gibt Konflikte, die behoben werden müssen und wir wären alle besser dran, wenn wir die Probleme lösen anstatt unsere Freizeit in einer Beleidigungskultur verpuffen zu lassen. Wer sich dazu nicht motiviert fühlt, der kann sich mit seinen „mutmaßlichen Feinden“ zusammensetzen. Nur ist hier die Frage: Würden Sie mit jemandem Kaffee trinken, der Sie beleidigt? Das wird schwierig. Wenn Sie auf Ihren Hass beharren wollen, wundern Sie sich nicht über erhebliche Depressionen, psychische Erkrankungen und steigender Suizidgefahr sowie eine Affinität zu kriminellen Handlungen, die erhebliche Schäden anrichten und Sie ins Gefängnis bringen können. Ich würde mir wünschen, dass Sie auf den Hass verzichten.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein heiteres Leben.