„Die“ Wissenschaft und der neue Dogmatismus

Szientizismus

Gelobt seien die Weissen Kittel!

Charlie Chaplin blickte Albert Einstein einst an, schmunzelte und sagte: ‚Mir wird applaudiert, weil mich jeder versteht. Ihnen wird applaudiert, weil Sie niemand versteht.‘“

Der Szientizismus. Oh Wissenschaft, geheiligt sei dein Name! Beweise, unsere Gebete! Wissenschaftliche Entdeckungen, unser täglich Brot! Wissenschaftler, unsere Priester, gebt uns unsere tägliche Absolution! Der Leib (der) Studie-XY-i! Klingt erschreckend oder? Noch erschreckender ist, wenn man sich darin wiedererkennt.

Mehr oder minder leben wir in einer Gesellschaft, in der die Wissenschaftler – und dazu gehören alle Akademiker jeder Fachrichtung – sich wie Priester artikulieren und verhalten. Was sie sagen, gülte als Gebot, Vorhersage, Prophezeihung. Experten, Forscher, Doktoren, Professoren, usw. seien unsere gelobten Heiligen! Das müsse man anerkennen, wenn jemand einen Doktortitel trägt. Abgeschrieben oder nicht. Titel ist Titel. Und das ist nicht mal zynisch daher gesagt, sondern recht realitätsnah.

Jede Religionsfeindlichkeit nährt sich vom Szientizismus. Sogar Religionsfanatiker nähren sich vom Szientizismus. Wenn ich von „wissenschaftlichen Wundern im Koran“ höre, bekomme ich die Krise. Als bräuchte ich Beweisführungen, um an den unsichtbaren Gott zu glauben. Nein, die brauche ich nicht. Und ich hoffe, dass andere sie auch nicht brauchen. Käme morgen ein weltweiter Bericht in der NYTimes heraus, in dem stünde, dass Gott existiert, dann würde es mich überhaupt nicht berühren. Nicht weil die Woche darauf ein Rückruf erscheinen kann oder ein widerlegender Bericht, sondern weil es nicht Sache unserer Wissenschaften ist, jenseits der Wissenschaften hineinzugreifen. Wir wissen nur 4% vom Universum. Dabei handelt es sich um Gesetze und einige Stoffe. Wie ich finde, ist es nicht genug Wissen über die Schöpfung, um sich an den Schöpfer heranzuwagen. Würde man die Metaphysik noch zu den Wissenschaften zählen, wäre der Glaube an Gott zudem argumentativ stärker als das Gegenteil, aber das Thema verschieben wir jetzt. 

Zurück zum Thema Religionsfeindlichkeit, die uns alle bekümmern sollte. Es geht nämlich nicht nur darum, Religionen aus unserem Leben zu vertreiben, sondern auch darum Spiritualität an sich zu eliminieren. Spiritualität. Das Gebet, die Andacht, der Gottesdienst, die Meditation. Nein. Der massenmediale Mainstream sagt Nein, die Gesellschaft sagt Nein. Unsere penetrant-normativen postmodernistischen Konventionen sagen Nein. Was bringt schon das meditative Denken heute noch außer Isolation und Langeweile. Nein, der Mensch muss leben und das Leben spüren. Ein Kick jagt den nächsten Kick. Die meisten wissen gar nicht, was Kick bedeutet, und wenn wirklich etwas Adrenalin-förderndes in ihrem Leben passiert, bekommen sie Angst und wünschen sich, dass es aufhört.

Mit Leben ist Konsum gemeint und Konsumieren heißt Zerstören. Wir sagen auch nicht umsonst, „Zeit totschlagen“, wenn wir von unseren alltäglichen Tätigkeiten sprechen. Zeit totschlagen mit Konsum. Darunter leiden Geist, Seele und irgendwann auch der Körper.

Obwohl wir heute sehen können, dass Menschen grausame Dinge tun, gibt es noch immer Menschen, die Gott dafür die Schuld geben. Okay, aber wollen wir mal gerecht sein. Wenn ein Mensch etwas Gutes tut, dankt man im Umkehrschluss Gott ja auch nicht dafür. Ein Widerspruch. 

Was ist eigentlich das Gute an Religionen? Es gibt etwas Gutes an ihnen. Auch wenn es heute schwieriger geworden ist, von religiösen Menschen gute Antworten auf diese Frage zu bekommen. Alle Religionen haben etwas Gutes. Sie liefern nämlich eine komplette Art der Lebensgestaltung mit. Sie tragen ethische Vorstellungen im Umgang mit der Welt und untermauern die Existenz der unsichtbaren Dinge bzw. der Dinge, die nicht auf Anhieb erkennbar sind, die wir auch gerne vergessen. Die Dinge, die unser spirituelles Verlangen stillen, die Sinnhaftigkeit unserer Existenz, denn die Natur funktioniert ohne Menschheit sehr gut, sogar besser. Was ist daher der Sinn unseres Lebens? Religionen liefern Antworten und verleihen unserer Existenz Ordnung und Liebe.

Der Szientizismus ist eine Art Ersatzreligion. Im Prinzip basiert er auf einer Urgesinnung des Menschen, die in älteren, vergangenen Zeitaltern anders zum Ausdruck gebracht wurde. Nämlich, was man nicht sehen und hören kann, das existiere nicht. Wenigstens ein Beweis musste vorgebracht werden. Die Hörner des Minotauren oder den abgeschnittenen Drachenzahn. Irgendein Beweis musste her. Dabei war diese Gesinnung keine wohlwollende Haltung zum Leben, sondern rührt sie aus menschlichem Zweifel her. Zweifler zweifelten an und bezweifelten alles, was ihre Lebensarten bedrohte. Was ihre Lebensarten bestärkte, das war gut und wurde widerspruchslos hingenommen. Daher wurden so viele Götter hervorgebracht. Es machte die Herrschaft über Menschen auch viel leichter, wenn ihre Würde göttlich unterschlagen wurde.

Leider kam dies auch in den Geschichten der großen Religionen vor. Dies geschah immer dann, wenn sich eine Elite in der Religion bildete, die für sich selbst eine besondere Rolle beanspruchte. Der Szientizismus ist in gewisser Weise auch eine Religion. Eigentlich ist es die am meisten praktizierte Religion auf der Welt. Der Glaube an die Wissenschaften, die unser Leben verbessern. Wir lieben es unsere Verantwortung – sowohl die gedankliche, als auch die emotionale – zu delegieren. Es ist großartig. Es gibt Wissenschaftler, die für uns denken und fühlen. Und sie sagen uns sogar, was wir über unser Denken und Fühlen und Leben zu verstehen haben, und was nicht. Der Punkt ist aber, dass wir uns auch an sie wenden und sie unser vollstes Vertrauen genießen. Manchmal sogar mehr als unsere engsten Vertrauten. Es gibt Männer, die erzählen ihrem Unternehmensberater mehr über das Unternehmen, als ihrer Geschäftspartnerin. Heikel. Misstrauen. Oder Szientizismus.

Professoren treten wie große Propheten auf. Lediglich aufgrund ihrer Titel und der öffentlichen Anerkennung dieser Titel. Ich lehne Akademien nicht ab, und das System der Wissensstufen. Allerdings dient es in erster Linie zur Unterscheidung von Lernenden und Lehrenden. Nicht zur Unterscheidung von Wissenden und Unwissenden. Und das schlimmste ist, die Wissenden können sich irren. Egal ob Professor, Forscher oder Arzt. Egal ob es ein Experte ist oder ein Berater. Irren ist menschlich, und sie sind davon nicht ausgenommen. Im Gegenteil stecken die Wissenschaften (ausnahmslos alle) noch in ihren Kinderschuhen.

Wir täten also gut daran, nicht allen Fitness- und Ernährungstipps Glauben zu schenken. Und auch nicht allen Politikwissenschaftlern und Biophysikern, die im Dienste großer Profitkonzerne agieren. Ihre Interessen sind weltlich, und sehr selten glauben sie selbst an einen Gott. Viel mehr glauben sie daran, dass der stärkere überlebt. Auch die wütenden Journalisten, die die Antireligiosität forcieren, tun dies im Glauben daran, dass Religion schädlich ist. Dabei ist es der Szientizismus, der schädlich ist, der sich hinter religiösen Parolen versteckt. Nur das, was ich sehen kann existiert. Und das nehme ich mir. Der Szientizismus sagt auch, dass Liebe eine Illusion sei. Höchstens einige chemische Reaktionen. Und er sagt, dass Menschen Religionen aufgrund ihrer Ängste haben. Und Wissenschaftler sagen, dass Menschen, die viel essen, dicker werden. Als Formel formuliert. Sie sagen sogar, dass Schönheit etwas Wissenschaftliches sei, und nichts mit Empfinden zu tun hat. Sie sagen, dass die Persönlichkeit eines Menschen, durch seine Umwelt geformt wird, und durch seine Anlage. Durch nichts anderes. Sie sagen, dass Intelligenz eine Frage der Noten ist, nicht des Lernprozesses. Sie sagen so vieles, und so vieles davon ist falsch und dumm. Ich weiß nicht, was ich mehr verachten soll. Wissenschaftliche Studien oder die Predigten von Religionsfanatikern.

Hütet euch also vor den Heiligen in Anzügen und weißen Kitteln! Sie sind falsche Propheten. Sie werden von niemand anderem gelenkt als ihrer Ideologie des selbstnährenden Wissens. Es gibt jedoch leider kein Wissen, das sich aus sich selbst nährt. Sonst müssten wir nicht lernen.

Spiritualität & das Gespött der weißen Kittel

Spiritualität wird belächelt. Auch spirituelle Menschen werden noch nicht ernst genommen in unseren Gesellschaften. Uns gegenüber stehen die so genannten Hardcore-Wissenschaftler, die "Ingenieure", Physiker und Mathematiker. Noch heute glauben Wissenschaftler, sie würden die Welt erklären können. Tatsächlich aber haben diese Berufstypen, die keine Wissenschaftler, sondern Empiristen sind, etwas missverstanden. Das Einzige, was sie tun, ist die Welt zu beschreiben. Es gibt in der Natur keine Kalender, Uhrzeiten oder Hochkant-Präzisionsformeln. Tatsächlich wird mir auch kein Wissenschaftler zeigen können, wo die natürlich empirische Entsprechung der 1 in der Welt ist. Das Atom besteht aus mehreren Teilen. Jene Teile wiederum aus mehreren Teilen. Und irgendwann innerhalb der kleinsten Teile, aus dem das Universum und wir selbst bestehen, lässt sich feststellen, dass Ursache und Wirkung überhaupt keine Relevanz mehr haben. Das hätte zu einem großen Umdenken führen müssen (Quantenmechanik), aber irgendwie hat man sich da einen heimlichen QuantenÜBERsprung erlaubt. Fakt ist nämlich, dass über 99% unserer Existenz aus einem riesigen leeren Raum besteht. Das hieße, dass unser Leben fast so vom Winde verweht ist wie ein Träumchen, das wir nachts hatten. Diese Erkenntnis wird noch einschlagen wie ein Hammer. Es ist nur eine Frage der Zeit. Ich denke, dass wird spätestens dann passieren, wenn immer mehr Wissenschaftler durch Künstliche Intelligenz ersetzt werden, denn sie rechnen ja nur aus (das können Maschinen natürlich besser, schneller und präziser). Spirituelle Menschen beschäftigen sich mit Bedeutungen. Das können Maschinen nicht. Es wird daher eine Zeit kommen, in der spirituelle Berufstypen, die Kaste der gut finanzierten Priester in weissen Kitteln überholen wird. Dann wird so einiges anders laufen. Vor allem wird dann nicht mehr alles nur ausgerechnet. Es muss zu aller Anfang erst eine Bedeutung haben. Und welche Bedeutung haben eigentlich Empiristen für uns? Dürfen wir nicht selber die Welt anschauen? Nein, denn mit ihren Studien erhalten sie die populären Hoheiten der Industrien. So auch mit ihren Einforderungen und Pressemitteilungen. Es ist doch nicht auszublenden, dass wissenschaftliche Studien immer der Privatwirtschaft nützen. Das ist kein Zufall. Wie gesagt, sind wir glücklicherweise diese vermeintlich Heilige Kaste los, wie auch das allseits beliebte Herrschaftsinstrument namens Statistik.

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