Gesellschaftliche Transformationen 2020

Ja. Der Hass ist groß. In allen Gesellschaften weltweit. Der Hass hat mehrere Gesichter. Jedoch breitet sich der Hass in zu viele Richtungen aus. Es gibt zu viele Aspekte, Gruppierungen und Interessensgruppen, die man hasst. In jedem Falle kann man sagen, dass der Hass im Jahr 2020 nicht mehr organisierbar zu sein scheint, wenn man mal nicht darauf achtet, dass er sich zum großen Teil auch gegen systemische Machtkonstellationen richtet. Der Hass ist nicht mehr organisierbar, weil die massenmediale Pluralität zunimmt. Aus einem großen Auge, das auf die Welt blickt, bekommen wir täglich neue Augen hinzu. Diese Augen sind die neuen Massenmedien. Es reicht nicht mehr, wenn eine große Zeitung über eine Krise schreibt. Die meisten Menschen freuen sich eher auf einen versteckten Podcast zwischen bestimmten Persönlichkeiten. Und das ist der Knackpunkt der gesellschaftlichen Transformation. Die paradigmatischen Hoheiten zerbrechen. Als paradigmatische Hoheit bezeichne ich die Massenmedien bzw. Medienunternehmen, die darüber entscheiden was, wie, wann und von wem in einer öffentlichen Debatte relevant ist. Diese paradigmatische Hoheit zerbricht allmählich, denn die rohe Gewalt richtet sich indirekt auch gegen sie. Es ist in Zeiten neuer Medienmacher peinlich, wenn eine alte Zeitung oder ein alter Sender falsche Informationen und Darstellungen publiziert, die von mehreren Medienmachern auseinandergenommen werden. Das ist ungünstiger als wenn niemand einschalten würde. Genau deshalb gibt es eine Verschiebung der Aufmerksamkeit. Die Blicke werden kritischer, weil es immer mehr Blicke in die Öffentlichkeit schaffen. In diesem Kampf der Blicke entstand allmählich eine Transformation. Es entwickelte sich ein anti-paradigmatisches Auge. Und während sich paradigmatische und anti-paradigmatische Entitäten gegenüberstanden, entstand die massenmediale Pluralität, die wir heute vorfinden. Nun transformieren Gesellschaften nicht mehr entlang einer Leitlinie oder Leitkultur, sondern entlang einer strittigen Diskursivität, die man vorher - in Demokratien - nur suggeriert hatte. Viele Situationen stimmen nicht mehr, weil die neoliberalistische Angleichung der Existenzen nicht mehr greift. Es gibt gewaltige Eruptionen, die nur dadurch ignoriert werden konnte, dass der Neoliberalismus aus allen Leiden einen produktiven Markt macht. Nur mit grassierender Armut geht das nicht. Es gibt nämlich kein Angebot für arme Menschen im Neoliberalismus, und genau hier beißt sich die Echse in den Schwanz. Die Armut wächst also nicht, weil es kein Geld gibt, sondern weil es nur nach "oben" fließt. Folglich richtet sich der Hass vorzugsweise gegen konkrete Zentren der Macht. Das sind Staaten, Regierungen, Politiker, Ämter, Polizei, Finanzämter, Unternehmen, etc. Die Transformation wäre friedlicher, wenn es mehr alternative Medien gäbe, die - im Gegensatz zur paradigmatischen Hoheit - Systemfragen stellen. Ansonsten werden wir gewalttätige Jahre vor uns haben.

 

 

Gesellschaftliche Transformationen 2020 Youssef Zemhoute