Einfach Sein

Literatur ist eine Quelle der Inspiration für die Menschheit. Jede Gesellschaft darf literarischer Kraft  nicht entbehren, will sie auf die Zukunft und ihre Herausforderungen vorbereitet sein. Es gibt eine große Vielfalt an Literatur, und ein wachsendes Potenzial an digitaler Medienverfügbarkeit. Gerade deshalb ist besondere Medienkompetenz nötig. Der Literalismus ist einer von vielen Krankheiten, die uns heute plagen. Er kann als „der Glaube an die Eindeutigkeit aller Dinge“ und als „der Glaube an die Wortwörtlichkeit alles Gesprochenen“ dargestellt werden. Dieses literarische Verständnis existiert in unseren Köpfen, wobei er unsere Gesellschaften von innen deformiert. Der Literalismus ist eine Krankheit, die uns daran hindert zusammen zu kommen, weil wir  dem Leben die Eindeutigkeit abverlangen, obwohl das Leben an sich nicht wirklich eindeutig ist. Sprache selbst funktioniert nicht über Eindeutigkeiten, und sie wächst auch nicht, sondern verkommt sie viel mehr, so dass sogar die Stilistik darunter leidet. Die Sprache ist kein Instrument, sondern ein wesentlicher Bestandteil unserer selbst, und es gibt so viele Sprachen, die allesamt lernbar sind. Sprache führt uns Menschen zusammen, vereint uns, erzeugt ein Miteinander, weil man sich geachtet fühlt. Man versteht sich und tauscht sich aus. Wenn aber meint, dass alles eindeutig sein muss, damit alles funktioniere, der irrt sich. Der Literalismus ist nicht unbedingt eine Krankheit, die bibelfesten Tyrannen aus dem europäischen Mittelalter zuzuschreiben ist, sondern fußt sie viel mehr auf einen menschlichen Makel. Wir bevorzugen die Einfachheit der Dinge, das Vertraute und verabscheuen oftmals fremdartige Dinge, Gedanken, Gefühle, da sie in der jeweiligen Gesellschaft immer schon eine Wertung haben und in der Regel allen Konventionen widerspricht. Wenn wir nun die Bedeutungen, die wir kennen und uns gegenseitig zuschreiben, nicht allzu eindeutig sähen, dann beginnt die wichtigere Auseinander-setzung für uns alle, denn wir würden uns nicht mehr mit anderen Menschen streiten, sondern mit uns selbst ringen. Mal im Ernst, wer kennt sich heute, im 21. Jahrhundert schon selbst besser als er andere zu kennen glaubt? Wir übernehmen eindeutige Bedeutungen für uns selbst, weil sie uns das „Leben“ erleichtern, und nicht weil sie wahr sind. Wir schreiben uns sehr gerne einer Partei, einer Religion oder gar einer neuen Bewegung zu, solange wir dabei eine eindeutige Bedeutung verkörpern, bestenfalls in Form einer Rolle. Verkörpern ist hier das wichtige Wort. Wir verkörpern nur noch, beseelen aber nichts mehr. Das lässt sich an unserem Sprachstil ablesen. Wie können wir uns da noch selbst als Menschen erachten? Wir sind Extremisten, Chauvinisten, Faschisten, Fatalisten, Expertisten, Narzissten, ja, Egoisten. Machen wir uns nichts vor, Literalismus ist sehr angenehm. Wir reduzieren alles auf seine mathematische Bedeutung, und auch das meinen wir nur, weil wir auch von Mathematik nicht viel verstehen. Natürlich gibt es Dinge, auch in der Sprache und in unserem Leben, die eindeutig sind, die uns gar allzu einleuchtend begegnen, aber das sind sehr wenige Dinge. Im sprachlichen Sinne ist alles im Wandel.

Wenn wir unsere Existenzen mit numerischen Formeln ausbessern, dann werden wir zu berechenbaren Wesen, ja, zu Maschinen, denn das Wesen einer Maschine ist ihre Eindeutigkeit. In keiner Roboterfabrik dieser Welt wird eine Maschine anfangen zu sprechen, ohne dass es ihr durch Algorithmen eingetrichtert wurde. Wir Menschen aber sind keine algorithmischen Wesen. Wenn dem so wäre, dann könnten wir eines Tages berechnen, wann und wo genau wir stürben. Sind wir wirklich so arrogant geworden, dass wir nicht mehr hinnehmen wollen, dass es Dinge gibt, die uns auf ewig verborgen bleiben werden?

Literalismus ist Starrsinn, Wut, Hass und er macht dumme Menschen aus uns, weil wir keine Variablen mehr kennen, sondern alles für uns eine konkrete Zahl ist, mit einer konkret nicht verstellbaren Bedeutung und nichts wird uns davon abhalten, einander zu verstehen, wenn wir glauben, dass wir alle ganz eindeutig sind. Eindeutig sind nur antike Helden, die, wenn sie schon sprechen, allzu berechenbar sind. Wäre es nicht viel interessanter mit einem Taxifahrer zu sprechen als mit Herkules? Oder lieber mit dem Nachbarn, den man oft gar nicht kennt, als mit Orpheus. So eindeutig wie ein Held ist kein Mensch und auch keine Erkenntnis ist es. Warum wollen wir eindeutig sein, wo wir doch so viel mehr sein können? Meine Schlussfolgerung für jeglichen Literalismus ist, dass er nichts weiter als unsere Ängste erhält, die unser Leben berechenbarer bleiben lassen. Die Schule ist ein Hort der Eindeutigkeiten, die Universität, ein Ort der scheinbaren Zweideutigkeiten, wobei der Doktor besser zum Verstehen qualifiziert sei als der Student, und der Professor besser als der Doktor, und die Dekanin stets Macht behält, weil sie bestimmt, wer seinen Arbeitsplatz behalten darf und wer nicht. Es sei hier auch klar, und das merken wir in der jetzigen Coronakrise sehr gut, dass die Wissenschaft auch zum Verkommen der Sprache beiträgt.

Wenn Sie zu den "besten" gehören wollen, lassen Sie die Menschlichkeit zu 100% aus Ihren wissenschaftlichen und beruflichen Arbeiten heraus. Bleiben Sie mathematisch, berechnend, und man wird Sie anbeten. Das gilt heute für alle Berufe, und auch die meisten Berufe sind Höhlen für die Seele des Menschen. Ohne  Sinn ist es nicht möglich zu sein, einfach zu sein und sein Leben zu leben. Sogar Pflanzen, Tiere und Insekten leben sinnvoll. Wir studieren sie und beobachten es. Wie können wir einfach sein oder werden, wenn nicht einmal mehr die Aussagen unserer Mitmenschen Sinn ergeben? Was ist eine Sprache wert, die keinen Wert mehr auf Sinn und Mehrdeutigkeit legt? Kann man von Kommunikation sprechen, wenn Interpretationen nur noch in der Einzahl möglich seien? Die letzte Frage beantworte ich mit Nein. Es handelt sich um Literalismen, die Existenzen zerstören.