Plädoyer für das militärische Rekrutat

Janitscharen, Mamluken, Oguzen, Seldschuken, Abbasiden, Ummayaden, und viele andere historische Situationen erweisen sich als ergiebig, wenn es darum geht, die Geschichte des Militärs bei Muslimen zu erforschen. Wenig Beachtung schenkt man leider der frühesten Kalifenphase der ersten Muslime. Es gab ausschließlich vier Kalifen, die auch als solche als Erben des Propheten bezeichnet werden dürfen. Nach dem Ableben des Propheten, kamen Abu Bakr, Umar Ibn al-Khattab, Uthman Ibn Affan und Ali Ibn Abi Talib. Alle vier Kalifen (Kalif; arab. khalifa/Nachfolger) wurden aus einer Shura heraus gewählt und ernannt, wobei es konkrete Streitigkeiten zwischen den letzten beiden Kalifen gab. Nichtsdestotrotz hatten sie alle eins gemeinsam. Sie sahen in der Kriegsführung keinen Dauerzustand, sondern eine ethische Verpflichtung. So waren die Feldzüge Umars gegen die beiden Großreiche Byzanz und das Sassanidenreich politisch begründet, genauso wie die Kämpfe gegen Ägypten und das Nubische Reich. Fälschlicherweise werden diese Feldzüge als Expansion dargestellt, doch ging es lediglich darum, den Handel zu ermöglichen und die Steuerlasten umzuverteilen. Außerdem ging es um die Befriedigung weiter Gebiete durch ein stehendes Gesetz, das sich noch im Aufbau und in der Entwicklung befand. Die gesamten Regionen waren von Stammeskämpfen, Schlachten, hohen Besteuerungen von Kaisern und Willkür durchtränkt. Durch die Expansion der Muslime kam es zu einer radikalen Verminderung dieser anarchistischen Phase, weshalb der Islam noch heute in den Orten existiert, wo er sich früh verbreitete. Die hohe Kriminalitätstradition erfuhr eine historische Zäsur mit der Erscheinung der Muslime. Die kriminellen Ereignisse, die wir heute im Nahen Osten sehen, sind nichts im Vergleich zur vorislamischen Zeit. Man bedenke nur, dass es in Mekka übliche Tradition war, die Töchter lebendig zu begraben. Allein diese Erkenntnis spricht Bände über den vorislamischen Zeitgeist.

Wie dem auch sei waren die ersten vier Kalifen keine militanten Anführer, die Dynastien begründeten. Im Gegenteil hatten sie ein hohes Verantwortungsbewusstsein und auch ihre eigene Haut im Kampf riskiert. Sie waren alle an Feldzügen beteiligt, wenn auch die ersten beiden Kalifen – aufgrund ihres hohen Alters – angemahnt wurden, keine Feldzüge mitzumachen. Sie hatten kein stehendes Heer, sondern das Vertrauen der Menschen. Das ist eine völlig andere Situation als sie bei den Umayyaden und Abbasiden fundamental war. Es gab keine Kriegsministerien, sondern lediglich Feldzüge, bei denen alle mitkämpfen mussten, die gesundheitlich dazu in der Lage waren, mit wenigen Ausnahmen. Dieses militärische Verständnis ist historisch einmalig. Dieses militärische Rekrutat nährt sich nämlich aus dem Lebenswillen der Gesellschaft, die sich und ihre Werte bedroht sieht. Folglich sehen sich alle Familien dazu verpflichtet, ihren Beitrag zu leisten. Allerdings kehrten die Menschen nicht arm zurück, sondern war es üblich, das sie an erbeuteten Gütern beteiligt wurden. Außerdem wurde das muslimische Sklavenrecht in der Scharia zu einem Emanzipationsprojekt für die kommenden Jahrhunderte. So war nicht mehr die absolute Zerstörung von Städten erlaubt, sondern lediglich ihre Übernahme durch den Kommandanten. Jeder Zivilist der arabisch-muslimischen Gesellschaft dieser Zeit war ein Soldat im Sinne des Gemeinwohls. Es handelte sich dabei nicht um Selbstjustiz, denn die muslimischen Städte – besonders im Irak – waren sehr belebt, sondern um eine Gesinnung des Friedens im Angesicht der willkürlichen Gewalt. Mit dieser Betrachtungsweise kam ein neuer Schwung, der die muslimische Zivilisation begründete. Durch die anschließenden Dynastien kam es unglücklicherweise zu einer Etablierung eines festen Militärs, mit festem Sold, wobei alle erbeuteten Güter an das Herrscherhaus gingen. Dies war auch das Ende der muslimischen Zivilisationen, da dieses Problem des zentralistischen Nepotats bis heute besteht. Mit der Schaffung eines staatlichen Militärapparats hatte man die Neigung zum Gemeinwohl abgeschafft. Wer ein Militär hat, das immer auch teuer ist, wird Militäroperationen durchführen und außen- wie innenpolitisch zur Aggressivität neigen.

Das militärische Rekrutat eignet sich für jede Gesellschaft besser als das nationale Militär. Letzteres nährt sich aus dem Nationalismus, während Ersteres aus der Zivilgesellschaft erst dann entsteht, wenn es nötig wird. Man spart jährlich 50 Mrd. € allein in Deutschland, wenn man dies umsetzen würde. Ein Nationalstaat ist nicht wehrlos, wenn er kein Militär hat. Im Gegenteil sind die Staaten am gefährlichsten, die kaum Soldaten besitzen, weil sich die gesamte Gesellschaft gegen Invasionen stellen würde. Heutzutage stellen sich die Gesellschaften bereits gegen eigene Militäroperationen im Ausland, wobei wir feststellen werden, dass dieser Anti-Militarismus zunehmen wird und zwar in allen Staaten der Welt. Wieso Geld für ein nationalistisches Militär ausgeben, wenn die letzten Gefahren jeder Gesellschaft sozio-ökonomischer Natur sind?