Stellen Sie immer die Macht-Frage!

Angesichts der zahlreichen Tumulte auf der Welt bereits im 1. Quartal dieses Jahres müssen wir aus intellektueller Position heraus die Macht-Frage stellen. Was ist Macht? Wer hat diese Macht? Wie wird sie genutzt? Als Macht-Frage bezeichne ich die Situation der Macht und ihre Konstellationen. Wir müssen grundsätzlich mehr über Macht sprechen. Sie ist erst einmal eine Kraft, die reine Wahrnehmungssache ist, aber irgendwo ist sie die Konstante schlechthin, wenn es darum geht, Veränderungen in unserer Welt herbeizubringen. Diese Macht-Frage impliziert auch die Problematiken, die wir haben. Schließlich kommen wir nicht drum herum die Frage zu stellen, weshalb alle Zentren der Macht stets darum bemüht sind, veraltete Systeme am Leben zu halten. Sogar neue Systeme werden so gebaut, dass sie in die alten Systeme hineinpassen. Dies hängt u. a. damit zusammen, dass wir eine Ideologisierung unserer Gesellschaften nicht überwunden haben. Eine Ideologie begünstigt das Systemdenken, da sie selbst ein eingerahmtes System darstellt. So gibt es zwar oberflächliche Veränderungen, aber keine immanenten. Es kamen mehrere Politiker in den letzten 40 Jahren hervor und mehrere Unternehmer, mehrere Persönlichkeiten, aber kaum eine absichtliche Veränderung zum Würdevollen hat sich daraus ergeben. Dies hängt mit den Systemen der Macht zusammen, die so stabil sind, dass jeder Ersatz, keinerlei Veränderungen hervorbringen kann. Die vorgefertigten Systeme lassen dies nicht zu. Diese Systeme der Macht drohen zunehmend schädlicher zu werden, in einer Art und Weise, die eine Gegengewalt von erheblicher Intensität provoziert. Um dieser Gegengewalt entgegen zu stehen, muss man die Macht-Frage stellen.

Es gehört nämlich vieles dazu, eine Aufgabe mit Macht zu meistern, denn man trägt eine erweiterte Verantwortung, die mehrere Menschenleben umfasst. Man kann diese Macht nicht als bloße Position halten, um die Systeme so fortzuführen, wie sie existieren. Die Systeme der Macht zerbrechen Gesellschaft und Wirtschaft. Wer eine solche Systematik duldet, läuft Gefahr einem großen Niedergang auf mehreren Ebenen entgegen zu gehen. Für die Menschen heißt dies Erholung vor den zentralistischen Systemen, aber auch immense Einbußen in Form von allgegenwärtigen Krisen. Vor der System-Frage muss daher die Macht-Frage kommen, die auch impliziert, welche Ideologie unseren Alltag dominiert. Und da sind wir mittlerweile einig darüber, dass der Neoliberalismus es ist, der unser Leben lokal, regional und global bestimmt; die Lebensführung auf Basis der Regulierung durch freie Märkte in allen Facetten. Diese Ideologie muss dem Untergang geweiht werden, um nicht zu unserem Untergang zu werden. Es wird nämlich nicht möglich sein, neue Märkte zu schaffen, ohne mehrere Märkte zu zerstören. Für Menschen bedeutet das zerstörte Existenzen, was wir in den letzten Jahren auch immer beobachten konnten. Diese gewerbliche Existenzvernichtung spitzt sich immer mehr zu, wie auch sich immer häufiger die Frage stellt, was ist denn eigentlich die Macht dahinter. Wo befinden sich die Zentren der Macht? Sie stecken nicht in Parteien oder bei Menschen, sondern in den Systemen der Macht selbst. Es ist bereits heute fragwürdig, weshalb Arbeit eine größere Öffentlichkeit bekommt als Eigentum. Dies hängt damit zusammen, dass Eigentum von Arbeit befreit und letzteres wiederum die so genannte Konjunktur verkleinert. Aus diesem Grund entwickelte sich ein Niedriglohnsektor in Deutschland, der größte in Europa, der es täglich möglicher macht, das noch mehr Existenzen gegen eine Mauer rennen. Diese Mauer heißt Neoliberalismus. Genau diese ideologischen Paradigmen müssen angefochten werden, damit sich eine Transformation ereignet, die auf dem Fundament der Grundrechte entsteht. Die Verfassung ist dann nicht nur ein nationales Schmuckstück, mit schönen und philosophisch wertvollen Artikeln, sondern eine realpolitische Grundlage für unser Leben innerhalb Deutschlands. Artikel 1, § 1, Grundgesetz: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen, ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalten.“ Das bedeutet, dass Exekutive, Judikative und Legislative insgesamt für die Würde verantwortlich sind. Nun müssen sie auch zur Verantwortung gefordert werden. Wer von diesen Gewalten achtet und schützt die Würde? Ich bin mir sicher, wenn man Menschen in Deutschland fragt, wird man überrascht sein, was sie antworten. Man muss aber auch diejenigen fragen, denen es nicht gut geht und das sind – unabhängig vom Alter betrachtet – die meisten Menschen. Die Macht-Frage zielt darauf ab, diese Würde einzufordern und zwar ungeachtet der Identität oder Gesinnung des Menschen. Die Verrohung der Gesellschaft kam nach ihrer Entwürdigung durch die staatlichen Gewalten.

Stellen Sie die Macht-Frage Youssef Zemhoute