Der Neoliberalismus ist jetzt sichtbar!

Der Liberalismus war eine sozio-ökonomische Denkrichtung, die sich aus dem Frühkapitalismus entwickelte. Er gewann immer mehr Fürsprecher, zumal Reichtum im 19. Jahrhundert bei allen Menschen beliebt war und der Blick auf das Kapital immer begehrlicher. Was der Liberalismus jedoch neu erschuf, war ein weiterentwickelter Marktkapitalismus mit einer konkreten Zielsetzung, die große politische Effizienz besaß. Jeder konnte reich werden und alle Welt prosperiere durch Märkte. So legte man den Fokus darauf, immer mehr Märkte zu entdecken, zu eröffnen und zu entwickeln. Im Laufe der Zeit entwickelten sich auch andere liberalistische Schulen, wie die Frankfurter Schule und der Ordoliberalismus. Womit jedoch niemand gerechnet hatte, war die subsumierende Eigenschaft dieser Ideologie, die sich letztendlich in das verwandelte, was wir heute als Neoliberalismus bezeichnen. Es handelt sich dabei nicht nur um einen Liberalismus sozio-ökonomischer Natur mit politischer Zielsetzung. Nein, viel mehr hat der Neoliberalismus auch eine philosophische, eine kulture und eine individualistische Seite. Mehr denn je wird es uns in Zeiten der Digitalisierung klar. So gut wie alles, was wir digital nutzen und gebrauchen, ist ein Marktplatz. Dabei wird längst nicht nur in Geld gehandelt, sondern auch in Zeit und Produktivität.

Die völlige Atomisierung des einzelnen Menschen ist das Ziel dieses Neoliberalismus, der noch nie zuvor so sichtbar wurde wie in diesem Jahr 2020, in dem sich – auf mehreren Ebenen der Weltgesellschaft – politische, wirtschaftliche, kulturelle und gesellschaftliche Wandlungen ereignen. Diese Angelegenheit wird als gemeinsames Weltschicksal gesehen und vehement abgelehnt, wie auch die Betrachtung dessen durch die Augen der Massenmedien. In allen Ländern widersetzt man sich nicht bloß den Zuständen, sondern den Zentren der Macht. Und genau das ist, was der Neoliberalismus ist; er ist die Ideologie, die das Zentrum der Mächte bildet. Alle Regierungen, Staatsoberhäupter und Konzerne werden von Neoliberalisten geführt. Es geht ihnen nur um die freien Märkte und deren Entfaltungen, wobei sich alle dem zu fügen haben. Das wird aber nicht mehr hingenommen werden. Die Selbstverständlichkeit von Staaten wird nicht einmal mehr akzeptiert. Wie man damit umgehen wird, bleibt weitestgehend offen bis jetzt. Allerdings liegt es nahe, dass Staaten sehr konservativ sind und erst einmal durch Staatsgewalt versuchen werden, die Kontrolle zu behalten. Was nicht so praktisch wäre, sind so genannte Reformen, die niemals Reformen, sondern neoliberalistische Wortkonstruktionen sind, mit denen die Öffentlichkeit beruhigt wird. Es gibt keine Reformen. Die Weltwirtschaft, die wir heute haben, hatten wir nach 1900 auch. Das darf nicht so weitergehen. Dieses Wirtschaftskonzept (es ist keine Wissenschaft) ist abträglich, funktioniert nicht und erzeugt nur neuere Probleme. Deshalb müssen wir uns ernsthaft fragen, was der Sinn der politischen Handlungen ist und warum er uns abhanden gekommen ist. Wie können wir eine Transformation so umsetzen, dass der Neoliberalismus endgültig beseitigt wird? Ohne eine grundsätzliche politische Umwälzung der Strukturen wird dies nicht möglich sein. Die verantwortlichen Personen scheinen mir viel zu sehr verblendet und karrieristisch zu sein, als dass sie auch nur den Hauch eines eigenen Willens hätten. Sie werden gar nichts ändern, weil sie neoliberalistisch denken. In diesem Falle hieße es, die Kosten. Veränderungen kosten zu viel. Na dann schauen wir mal, wie teuer es wird ohne diese vermeintlich hohen Kosten.

Neoliberalismus Youssef Zemhoute

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