Der Hang zum Literalismus

youssef zemhoute

Ein Essay von Youssef Zemhoute

Literatur ist eine Quelle der Inspiration für die Menschheit, und jede Gesellschaft darf literarischer Kraft und Kreativität nicht entbehren, will sie auf die Zukunft und ihre Herausforderungen vorbereitet sein. Es gibt eine große Vielfalt an Literatur, und ein großes Interesse an journalistischen Schriften. Wir finden heute viele Online-Magazine und diverse Blogs, die recht ungewöhnliche über irrsinnige bis hin zu meisterhaft geschriebenen Beiträgen vorstellen. Durch diese geistigen Ergüsse von Menschen, die große Fort- wie Rückschritte machen, kommen wir uns näher, streiten uns, vertragen uns und, was am wichtigsten ist, verstehen wir uns, denn in der Regel haben wir uns alle gern, wir Menschen. Schon von Kindesbeinen an werden wir allerdings verzogen, sodass wir systematisch auf das „Leben“ vorbereitet werden, das Leben, wie es sich die Unterdrücker vorstellen, die ursprünglich in ihrem hohen Alter gute Absichten hegten, aber deren Ideen versagten, weil sie etwas in uns nährten und nähren, das unser eigentliches Wesen zugleich auch zerstört. Allein die Tatsache, dass Gifte und Waffen zu den beliebtesten und begehrtesten Produkten der Menschen gehören, mag uns alarmieren. Wir sind doch nicht ganz so intelligent, wie wir tagtäglich uns einzureden wagen. Wir sind nur allzu schüchtern, wenn man uns lobt, aber verdienen wir tatsächlich dieses Lob. Nun denn, ich will nicht noch anmaßender werden, drum springe ich zur eigentlichen Thematik dieses Essays. Es handelt sich um den Literalismus, einer von vielen Krankheiten, die uns heute plagen. Der Literalismus kann durchaus als „der Glaube an die Eindeutigkeit aller Dinge“ und als „der Glaube an die Wortwörtlichkeit alles Gesprochenen“ dargestellt werden, aber haben wir damit alles über ihn gesagt, oder gar vielleicht zu viel. Wir möchten dem Begriff nicht Unrecht tun. Der Literalismus existiert schließlich nur in unseren Köpfen, wobei er penetrant in unsere Gesellschaften eingreift und uns verdrossen macht. Verdrossen gegenüber jeglicher Versammlung bzw. Zusammenkunft von sich liebenden Menschen, die zusammenkommen, um Rechte zu bestärken und Unrecht – wo auch immer es erscheint – zu verurteilen. Leider müssen wir es heute alle tun, nicht allein, weil wir es können, sondern vor allem, weil diejenigen, denen wir Macht anvertrauen, ihren Aufgaben nicht gerecht werden. Allerdings sind wir nicht dazu in der Lage. Der Literalismus ist eine Krankheit, die uns daran hindert zusammen zu kommen, weil wir die Eindeutigkeit dem Leben abverlangen, das an sich nicht wirklich eindeutig ist. Was im Leben ist schon eindeutig? Sprache selbst funktioniert nicht eindeutig, und sie wächst auch nicht, sondern verkommt sie viel mehr, sodass sogar die Stilistik darunter leidet. Wir meinen zu viel und beherzen zu wenig, wenn es um die Sprache geht. Die Sprache ist kein Instrument, sondern ein wesentlicher Bestandteil unserer selbst, und es gibt so viele Sprachen, die allesamt lernbar sind. Sprache führt uns Menschen zusammen, vereint uns, erzeugt ein Miteinander, weil man sich geachtet fühlt, man versteht sich und tauscht sich aus. Wenn wir nun aber meinen müssen, dass alles eindeutig sein muss, damit alles funktioniere, dann irren wir uns, denn das Leben funktioniert nicht auf diese Weise. Vielleicht funktioniert es, aber nur solange wie es das System gibt, wobei die Natur sehr stark unter unserer Herrschaft der Eindeutigkeiten leidet. Die Vielfalt, die den Völkern eigen ist, der Geschichte der Menschheit, ist reich und sehr bewundernswert. Wollen wir weiterhin auf die Vieldeutigkeit menschlicher Existenz verzichten und noch mehr zerstören als wir schon ausgerottet haben?

Der Literalismus ist nicht unbedingt eine Krankheit, die bibelfesten Tyrannen aus dem europäischen Mittelalter zuzuschreiben ist, sondern fußt sie viel mehr auf einen menschlichen Makel. Wir bevorzugen die Einfachheit der Dinge, das Vertraute und verabscheuen oftmals fremdartige Dinge, Gedanken, Gefühle, da sie in der jeweils eigenen Gesellschaft immer schon eine Wertung haben und in der Regel allen Konventionen widerspricht. Wenn wir nun die Bedeutungen, die wir kennen und uns gegenseitig zuschreiben, nicht allzu eindeutig sehen, dann beginnt die wichtigere Auseinandersetzung für uns alle, denn wir würden uns nicht mehr mit anderen Menschen streiten, sondern mit uns selbst ringen. Mal im Ernst, wer kennt sich heute, im 21. Jahrhundert schon selbst besser als er andere zu kennen glaubt? Wir übernehmen eindeutige Bedeutungen für uns selbst, weil sie uns das „Leben“ erleichtern. Wir schreiben uns sehr gerne einer Partei, einer Religion oder gar einer neuen Bewegung zu, solange wir dabei eine eindeutige Bedeutung verkörpern. Verkörpern ist hier das wichtige Wort. Wir verkörpern nur noch, beseelen aber nichts mehr. Wie können wir uns da noch selbst als Menschen erachten? Wir sind Extremisten, Chauvinisten, Faschisten, Fatalisten, Expertisten, Narzissten, ja, Egoisten. Machen wir uns nichts vor, der Literalismus ist sehr angenehm. Wir reduzieren alles auf seine mathematische Bedeutung, und auch das meinen wir nur, weil wir auch von Mathematik nicht viel verstehen. Für uns ist heute nicht nur Mathematik 1+1, nein, das ganze Leben besteht aus 1+1. Alles habe seine Funktionen, warum also wir nicht, fragte der Bauer und ging in die Stadt, weil alle Bauern dorthin gingen.

Natürlich gibt es Dinge, auch in der Sprache und in unserem Leben, die eindeutig sind, die uns gar allzu einleuchtend begegnen, aber das sind sehr wenige Dinge. Wenn wir unsere Existenzen mit mathematischen Formeln ausbessern, dann werden wir zu berechenbaren Wesen, ja, zu Maschinen, denn das Wesen einer Maschine ist ihre Eindeutigkeit. In keiner Roboterfabrik dieser Welt wird eine Maschine anfangen zu sprechen, ohne dass es ihr durch Algorithmen eingetrichtert wurde. Wir Menschen aber sind keine algorithmischen Wesen. Wenn dem so wäre, dann könnten wir eines Tages berechnen, wann und wo genau wir sterben werden. Sind wir wirklich so arrogant geworden, dass wir nicht mehr hinnehmen wollen, dass es Dinge gibt, die uns auf ewig verborgen bleiben werden?

Literalismus ist Starrsinn, Wut, Hass und er macht dumme Menschen aus uns, weil wir keine Variablen mehr kennen, sondern alles für uns eine konkrete Zahl ist, mit einer konkret nicht verstellbaren Bedeutung und nichts wird uns davon abhalten, einander zu verstehen, wenn wir glauben, dass wir alle ganz eindeutig sind. Eindeutig sind nur antike Helden, die, wenn sie schon sprechen, allzu berechenbar sind. Wäre es nicht viel interessanter mit einem Taxifahrer zu sprechen als mit Herkules? Oder lieber mit dem Nachbarn, den man oft gar nicht kennt, als mit dem arroganten Achilles. So eindeutig wie ein Held ist kein Mensch. Warum wollen wir eindeutig sein, wo wir doch so viel mehr sein können? Meine Schlussfolgerung für jeglichen Literalismus ist, dass er nichts weiter als unsere Ängste erhält, die unser Leben berechenbarer bleiben lassen. Die Schule ist ein Hort der Eindeutigkeiten, die Universität, ein Ort der scheinbaren Zweideutigkeiten, wobei der Doktor besser zum Verstehen qualifiziert ist als der Student, und der Professor besser als der Doktor, und die Dekanin stets die Macht über alle behält, weil sie bestimmt, wer seinen Arbeitsplatz behalten darf und wer nicht. Wenn sie eine 1 schreiben wollen, lassen Sie die Menschlichkeit zu 100% aus Ihren wissenschaftlichen Arbeiten heraus. Bleiben Sie mathematisch, berechnend, und man wird Sie anbeten, ob in der Oberstufe, im Berufsleben oder unter Akademikern. Das gilt heute für alle Berufe, und auch die meisten Berufe sind Höhlen für die Seele des Menschen. Wir sind vielleicht aus Höhlen hinausgewandert, aber wir müssen zurück, um unsere Seelen herauszuholen. Anderenfalls sind wir längst tot, bevor wir angefangen haben, zu leben, und als tote Menschen in trunkener Manier herumtreibend, lauernd auf den nächsten Rausch, der uns vergessen macht, woran wir uns ungern erinnern.