Die paradigmatische Hoheit

Youssef Zemhoute die paradigmatische Hoheit

Die paradigmatische Hoheit entsteht in der Öffentlichkeit durch massenmediale Berichterstattung. Sie kennzeichnet sich dadurch aus, dass sie ständig die gleichen Paradigmen unverändert und/oder kommentierend vermittelt. Die dadurch erzeugte Macht über Weltanschauungen und ideologische Grabenkämpfe, sorgt für eine starke Feindseligkeit, Uneinigkeit und Thanatoxie, die zur Vernichtung vieler sozialer Elemente führt. Nun ist die paradigmatische Hoheit zwar nicht so greifbar wie eine Militärdiktatur, doch ist sie gerade deshalb gefährlich, weil sie einen geistigen Angriff darstellt, der Tag für Tag, Stunde um Stunde durchgeführt wird. Die Akteure hinter dieser paradigmatischen Hoheit sind nur noch dem Anschein nach unsichtbar in Zeiten der Digitalisierung. Die Paradigmen, die sie seit Jahrzehnten befördern, sind immer gleich. Sie werden immer verbreitet. Und sie ändern sich nie, insbesondere in politischen Fragen. Entsprechend toxisch sind auch die erzeugten Feindbilder, die eine soziale Debatte zum Gemeinwohl unmöglich machen.

Anbei noch ein Kapitel aus meinem letzten Buch „Corpus Albus Delicti: Das Ende der Weissen Vorherrschaft„, 2020., in dem ich mich mit dem Thema Rassismus und anderen Ideologien auseinandersetze:

Selbstbewusstsein & Massenmedien

Die Massenmedien sind das mächtigste Instrument unserer Zeit. Wir können über das Internet so viele Menschen erreichen wie nie zuvor. Diese Potenz kann sich jeder einzelne Mensch aneignen, denn die Befähigung dazu, geben ihm die großen Portale. Es gibt zwei Gruppen von Massenmedien. Es gibt die so genannte paradigmatische Hoheit, die wir daran erkennen, dass gewisse Paradigmen bestehen bleiben und sich nicht verändern. Sie werden täglich wiederholt und konsolidiert. Demgegenüber steht die anti-paradigmatische Hoheit, die all das verkörpert, was in der paradigmatischen Hoheit ausgelassen wird, wobei sie sich ebenso dagegen positioniert. Zur anti-paradigmatischen Hoheit gehören auch Verschwörungstheoretiker, Extremisten und Radikalismen jeglicher Couleur. In den letzten zehn Jahren entstehet eine dritte Gruppe im Internet, die ich als die Alternativen Medien bezeichne. Dazu zähle ich alle Medienmacher, die unabhängig agieren, sich aus der Menge finanzieren oder aber eine Programmtiefe ermöglichen, die in den beiden Hoheiten undenkbar wäre. Dadurch haben diese Medienmacher zwar keinerlei Paradigmen, aber dafür eine geistige Tiefe und eine mediale Qualität, die langfristig gesehen, nicht zu unterschätzen ist. Diese ausführlichen und unabhängigen Formate bereiten dem öffentlichem Rundfunk bereits jetzt große Sorgen. Sie verlieren nämlich „Marktanteile“, was so viel bedeutet, dass die Zuschauerzeiten sich verschieben und damit auch die Macht, die die paradigmatische Hoheit zuvor hatte. Somit ist man nicht mehr von einer einzigen oder einigen wenigen Quellen abhängig. Man täte aber gut daran die paradigmatische und die anti-paradigmatische Hoheiten zu ignorieren. Ein Paradigma kann sehr gefährlich für die geistige Gesundheit sein. Nehmen wir das Paradigma „Islam“, stellen wir fest, dass es gar nicht etwas Wissenswertes über den Islam als Religion enthält. Es geht dabei hauptsächlich um etwas Politisiertes, um eine Sammlung von Feindbildern, Vollverschleierung, Schweinefleischverbot, Alkoholverbot, Islamismus, Terrorismus. Das Paradigma wird es niemals erlauben, dass der Islam sich jenseits dieser Stichworte bewegt. Diese Unterthemen des Paradigmas bezeichne ich als  Soudigma bzw. Soudigmen. Dadurch dass man ständig über diese Soudigmen spricht, die immer vom Paradigma vorgegeben sind, bleibt die Diskussion auch in diesem neoliberalistischen Rahmen (frame) gefangen. Genauso verhält es sich beim Thema „Arbeit“, bei dem nicht jede Arbeit gemeint ist und auch nicht jede Berufstätigkeit. Die Soudigmen des Paradigmas „Arbeit“ lauten Mindestlohn, Soli-Zuschlag, Rente, Sozialbeitrag, Stundenlohn, usw. Man bleibt in diesem Rahmen, wenn man unter diesen Soudigmen diskutiert und kommt nicht heraus, was aber unbedingt nötig ist, denn lange geht es nicht mehr gut, wenn wir so beschränkt über Arbeit diskutieren. Man muss vorsichtig sein, um nicht das Bewusstsein zu gefährden. Gerade in unserem hektischen Alltag neigen wir dazu, dass wir faul sind, wenn wir fünf Minuten irgendwo sitzen und nichts tun. Das ist ein Zeichen dafür, dass wir unter einer Gehirnwäsche leiden. Die „Heiligen“ Naturwissenschaften tragen dazu bei, dass wir annehmen, es gäbe so etwas wie Experten, die alles besser wüssten. Das sind diejenigen, die über ständiges Wirtschaftswachstum schwadronieren, über Faulheit, über Arbeitsplätze und sonstigem neoliberalistischem Kram. Sie sind die Zungen dieser riesigen Schimäre, und natürlich profitieren sie sehr davon, den Glauben an den Neoliberalismus aufrecht zu erhalten. Nur sind sie nicht klug genug, um den kommenden intellektuellen Sturm aufzuhalten. Sie werden definitiv mit reichlich Schande in die Geschichte eingehen, denn sie haben für ein bisschen Geld den Weihnachtsmann heraufbeschworen und ihn gepredigt, wobei dieser Weihnachtsmann niemals im Leben einer Kassiererin, einer Rentnerin oder einer Lehrerin aufgetaucht ist. Sie werden aber vor allem deshalb als Schande in die Geschichte eingehen, weil sie immer auf die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft heruntertreten, die Bezieher von Wohlfahrtshilfen, von Sozialgaben, die alleinerziehenden Mütter, die verwahrlosten Obdachlosen, die Mini-Jobber, und ganz grundsätzlich das gesamte Prekariat, das sie mit ihren Reden mit begründet hatten.

Sie benutzen sehr gerne auch „wissenschaftliche Quellen“ aus der Statistik. Eine Studie X hat herausgefunden, dass alle Experten Recht haben. 5.000 Menschen wurden gefragt. Oder 1.000 Menschen. Ein herrliches Machtinstrument. Mit Hilfe von Statistik kann man jegliches Handeln rechtfertigen, wenn man nur genügend Geld hat. Bei der Statistik ist es nämlich so, dass sich das Ergebnis nach den Fragen richtet, die man stellt. Das versteht nur keiner, weil die Statistik mit der Scheinbarkeit von Zahlen die Öffentlichkeit blendet. Man habe nicht nur gefragt, sondern auch quergefragt und gezählt, wird behauptet. Statistiken sind der größte Schwindel unseres Zeitalters. Im Paradigma „Islam“ benutzt man gerne Umfragen wie „Gehört der Islam zu Deutschland?“, als würde die Antwort etwas am Leben der deutschen Muslime ändern. Es ändert wenig, außer dass sie wütend werden, was auch eines der Ziele unserer neoliberalistischen Mitmenschen ist.  Genauso beim Paradigma Klimawandel, das so sehr missbraucht und statistisch misshandelt wird, wie kein anderes Thema. Wobei man bei diesem Thema lieber Bilder benutzt von schmelzendem Eis, das den Menschen Angst machen soll. Angst paralysiert aber und die Menschen tun gar nichts, wenn sie Angst haben. Krieg & Terror sind die beliebtesten Paradigmen der Nachrichten- und Fernsehanstalten. Explosionen, Attentate, Konflikte, das politische Debakel von zwei Nationalstaaten im Nahen Osten. Oder man spricht von der Überbevölkerung, wenn die Menschen im Lande keine Nachrichten mehr schauen, um sie wieder anzulocken und zu verängstigen. Dabei passen alle Menschen der Welt in sitzender Position auf Mallorca. Massenmedien dienen einzig und allein zur Massenkonditionierung, wobei es noch nie ein anderes Ziel gab. Man kann dabei gerne auch eine vertikale Unterscheidung machen, um dies besser zu verstehen. Individuelle Massenmedien sind Schriften, Abschriften, Bücher, Pamphlete, die man lesen muss und lesen ist eine individuelle Angelegenheit. Daneben gibt es die kollektiven Massenmedien wie das Radio, Television & Internet, Plakate, etc., die man gemeinsam hören und sehen kann. Der Fokus der paradigmatischen Hoheit liegt bei den kollektiven Massenmedien, wobei sie auch individuell sehr aktiv sind. Gerade bei ihren Texten ist das neoliberalistische Gedankengut zu finden, vor dem man sich hüten muss. All diese Paradigmen lösen sich mit dem Aufkommen des Internets und der Etablierung von nationalen Sendestationen auf. Sie verschwinden nicht gänzlich, aber sie werden neu geordnet und retextualisiert. Durch diese Mehrdeutigkeit hinsichtlich einzelner Themen kommt es zur Verwirrung bei den meisten Menschen, weil sie jahrzehntelang mit klaren Feindbildern konditioniert wurden. Dieser globale Diskurs findet auf mehreren Ebenen und in allen Gebieten der Welt statt. Durch kommunikative Diskussionen kann man ihn erweitern und bereichern. Unsere Aufgabe ist die Retextualisierung, die die Umverteilung von Deutungshoheiten meint. Wir müssen vermehrt darüber sprechen, wie wir die Begriffe verstehen, die wir so selbstverständlich nutzen, um sie von den paradigmatischen Herrschaftskonnotationen zu befreien. Dies wird uns nur dann gelingen, wenn wir ein gesundes Selbstbewusstsein entwickeln, mit dem wir selbstsicher auftreten können gegen all die Verfechter dieser neoliberalistischen Kulturen. Man braucht Selbstbewusstsein in einer massenkonditionierten Welt, um sich hinzustellen und zu sagen, dass 90% aller Arbeitsplätze sinnloser Unfug sind. Es braucht Mut, um zu sagen, dass sich die politischen Parteien in ihrer Arbeit in keiner Weise voneinander unterscheiden. Es braucht Mut und Selbstbewusstsein, um darzulegen, dass der Neoliberalismus uns so sehr durchdringt, dass wir uns nach ihm richten. Dieses Selbstbewusstsein entwickelt sich mit Sicherheit nicht im massenkonditionierten Sumpf der paradigmatischen und anti-paradigmatischen Hoheiten, sondern nur in den Alternativen Medien, im Privaten, im Öffentlichen und im Inneren des Selbst. Wir müssen uns selbst eingestehen, dass da vieles nicht mehr stimmt und oben wie unten miteinander vertauscht sind.