Die Seele des Menschen

Was ist die Seele des Menschen? Im 21. Jahrhundert sind wir eher von der Nichtigkeit des einzelnen Menschen überzeugt. Zudem würdigen wir nur die Menschen, die im Sinne freier Marktwirtschaft produzieren. Das heißt, wer nicht produziert, existiert nicht. Wir entwickelten eine stark verbreitete Abneigung gegen Religionen. Jene religiösen Fundamente enthalten die wesentlichsten Quellen zur Erforschung der menschlichen Seele mit zahlreicheren Sinnhaftigkeiten. Wir glauben heute mehr denn je an die Wissenschaft und an den technologischen Fortschritt. Schauen wir uns die Wissenschaften genauer an, wird uns schnell klar, dass wir einen Mangel haben.

Wie wir mit uns selbst umgehen, sagt viel darüber aus, wie wir mit anderen umgehen, aber auch was wir vom Leben an sich halten. Dieser Selbstnichtigkeitsglauben ist auch die Wurzel vielen Übels, das es auf der Welt gibt, das wächst und Teufelskreise um uns herum zieht. Wenn wir über die Seele sprechen, dann müssen wir über das Leben sprechen. Gibt es überhaupt ein Leben im Kollektiv?

Ein Leben im Kollektiv gibt es natürlich nicht. Jeder einzelne Mensch ist Lebensträger einer einzigen Seele. Dies zu missachten, käme einem fatalen Fehler gleich. So zum Beispiel auch im medizinischen Kontext. Dadurch dass in der Medizin alle Menschen als Patienten bezeichnet werden, die sich einer Untersuchung unterziehen, missachtet man ihre Individualität. Es gibt Gemeinsamkeiten unter Menschen, keine Frage und unsere Organe – innen wie außen – funktionieren ähnlich. Der Fluss der Kräfte ist jedoch immer ein individueller, gebunden an Anlage, Geheimnis, Situation und Biographie.

Wenn wir diese Individualität respektieren, müssen wir den einzelnen Menschen achten und kommen gar nicht drum herum. Dies ist nicht möglich, im Sinne eines klassischen Aufeinandertreffens von Subjekt und Objekt. Es sei denn, und da kommen wir zum Dilemma, der Mensch selbst reiht sich in eine kategorisierte Menge ein. Das tun wir nämlich, um gesellschaftsfähig zu werden, da die Gesellschaft das von uns verlangt. Wer sich nicht in Form einer Rolle einreiht, der kann sich erst gar nirgends einreihen in der Gesellschaft. Es sei denn, er sei aufgrund seines Status exzeptionell. In dem Falle gäbe es eine gesellschaftliche Freikarte hinsichtlich seiner Existenz.

Warum spreche ich über die Individualität des Menschen? Weil wir über sie sprechen müssen, wenn wir von der Seele des Menschen reden wollen. Wer nicht an die Seele glaubt, der existiert in einem ätherischen Sumpf aus Rollenspielen. Das erzeugt unermesslichen Stress und Sinnkrisen. Stress kennen wir alle und wir haben ihn als festen Bestandteil unseres Lebens akzeptiert, obwohl Stress das nicht sein sollte. Es ist doch erstaunlich, dass deutlich ärmere Gesellschaften weltweit gar keinen Stress kennen. Wir als teilweise prosperierende Gesellschaft halten noch an ihn fest. Hier stimmt etwas nicht.

Viel fataler als Stress sind die Sinnkrisen, die sich im Inneren entwickeln und uns verändern. Oft auch ohne dass wir es bemerken oder gar darauf vorbereitet sind. Eine Sinnkrise kann wichtig und gesund sein, wenn man z. B. ein kriminelles Leben führt oder sehr viel Unrecht begangen hat und jene destruktiven Persönlichkeitsanteile isoliert werden müssen. Für eine Führungskraft im Alter von 35 Jahren ist das aber sehr riskant und unverständlich. Genauso für eine Krankenschwester oder für eine Beamtin, die Mutter ist. Ein Krankenschein wird eine Sinnkrise nicht beseitigen, auch kein Arztbesuch oder einpaar Sitzungen mit diversen Psychotherapeuten.

Die Sinnkrise ist eine angehäufte Packung aus Inkohärenzen im persönlichen Leben. Dinge, die ein Mensch tut, die aber gar nicht zu seinem Leben gehören. Die Sinnkrise setzt ein mit zahlreichen Warum-Fragen. Und jeder Mensch missachtet Warum-Fragen, weil sie in die Tiefe gehen und die Wurzeln einer Sache zu ergründen wünschen. Wie gehen wir also mit Sinnkrisen um, die durchaus zu suizidalen Lebensumständen ausarten können? Ein Haufen von Warum-Fragen ist ein spiritueller Durst nach Sinn. Wie will man diesen Durst stillen, wenn man gar nicht erst daran glaubt, dass man eine Seele besitzt, obwohl sich das problematische Innenleben in der jeweiligen Realität manifestiert?

Vielleicht hat sich auch jemand dazu geäußert und dem Menschen mitgeteilt, dass man ein eigenartiger Mensch geworden sei. Oder man merkt selbst allmählich, dass es um den sozialen Umgang schlecht bestellt ist. Man verliert seinen Freundeskreis, Bekannte und Verwandte stoßen den Menschen ab oder man gerät in eine zerstrittene Partnerschaft. Es kann sein, dass man das Gefühl bekommt, zunehmend einsam und ausgehöhlt zu werden. Das liegt alles daran, dass das Innenleben keinerlei Relevanz mehr in den jeweiligen Realitäten hat.

Warum unterscheide ich zwischen Innenleben und Realität? Realität ist das, was man in seinem Bewusstsein verankert und als real wahrnimmt. Wahrnehmung ist breit gefächert und geht über die fünf klassischen Sinne des Menschen hinaus. Meistens manifestiert sich das persönliche Innenleben in der Realität in Form eines sinnbefreiten Daseins. Die Sinnhaftigkeit bleibt an den Rollen gebunden und Rollen haben fürs persönliche Leben keinen besonderen Sinn, wenn man sie nicht selbst geschaffen hat.

Wenn das Rollenbewusstsein wächst, aber das Selbstbewusstsein schrumpft, dann kommt es zu einer Sinnkrise. Es passiert kurz bevor das Selbstbewusstsein endgültig verloren geht. Das ist ein gutes Zeichen, denn man bekäme die Möglichkeit, dagegen anzukämpfen. Es gibt Charaktertypen, die dieses Problem nicht haben. Jene Personen brauchen zahlreiche Rollen, um überhaupt an etwas heranzukommen, was man als Selbstwertgefühl bezeichnen dürfte. Das sind Menschen, bei denen Beschäftigungstherapien bis zum Tode eine Selbstverständlichkeit bleiben. Sie leben sogar von Konflikten, Rollenspielen und Rollenrelevanz. Sie hegen große Verachtung für Rollenverluste und für Menschen ohne sozialen Status.

Im Gegensatz zur Sinnkrise ist die Depression weitaus unangenehmer, da sie sich auch körperlich niederlässt. Ein depressiver Charaktertyp hat Schwierigkeiten mit sich selbst und weiß nicht weshalb. Daher ist die Sinnkrise eine Vorstufe zur Depression. In der letzten Stufe kann gar kein Mensch ausharren, ohne dabei erheblichen Schaden zu nehmen. Die missachtete Sinnkrise – vielleicht waren es sogar mehrere – verschraubt sich im eigenen Leben tief hinein und bleibt darin stecken. Wie ein elektromagnetischer Impuls in der Seele schaltet sie sämtliche Kräfte aus, die man zu besitzen glaubte. Dies geschieht zum Schutze der eigenen Existenz.

Es ist kritisch zu differenzieren, wie man mit Depressionen umgehen sollte. Wie behandelt man einen depressiven Menschen? Ich sehe das Problem von Depressionen als unlösbar an, wenn wir zeitgenössische Methoden untersuchen. Manche nehmen Medikamente, andere lassen sich therapieren. Allerdings ist das nicht wirklich hilfreich, weil man eine Depression selbst behandeln muss. Niemand wird in eine Persönlichkeit hineingehen, dessen Gedanken und Gefühle lesen, um sie dann für den einzelnen Menschen auszuwerten. Selbst wenn es jemand könnte, fehlt ihm ein ausführlich biographisches Selbstbewusstsein.

Wir sehen, dass die Seele des Menschen wahrhaftig und real ist. Wir sehen auch, dass wir Träume bekommen, wenn wir versuchen, Sinnkrisen zu verdrängen. Das kann für viele Menschen unangenehm sein und zu Zusammenbrüchen führen, wenn sie mit den Träumen nicht umgehen und sogar versuchen, die Träume selbst zu verdrängen oder durch Schlafentzug gegen sie anzukämpfen.

Unsere Seelen kommunizieren mit uns, weil sie ewig sind. Sie sehen uns jenseits von Raum und Zeit, helfen uns dabei unser Leben besser zu verstehen. Es wäre ein fataler Fehler davon auszugehen, wir seien endliche Stoffe ohne Sinn. Nach dieser Logik wäre es völlig egal, was wir wann und wo mit wem tun. Aber wir wissen in uns selbst bereits, dass es eben nicht so ist. Das ist das universale Paradoxon des Menschen. Sinnsuchend sinnentbehrend leben, um Unsinn zu treiben und über das Sinnvolle sprechen, ohne es zu tun.