Koran – Die schönsten Geschichten

Ich denke schon sehr lange über den Vers 3 in der Sure Yusuf nach, in dem es sinngemäß heißt:

„Wir berichten dir die schönsten Geschichten dadurch, daß Wir dir diesen Qurʾān eingegeben haben, obgleich du zuvor wahrlich zu den Unachtsamen gehörtest.“

Ich selbst bin ein Geschichtenerzähler. Ich schreibe und erzähle seit meiner Kindheit Geschichten. Ich lausche auch gerne den Geschichten anderer Menschen und Geschichten, die das Leben erzählt. Ich frage mich, wieso Gott im Koran sagt, dass Er die schönsten Geschichten darin offenbart. Ist eine Geschichte nicht schöner, wenn sie ein Mensch erzählt? Hat eine Geschichte nicht mehr Leben, wenn sie ein Beteiligter erzählt? Ja, gewiss. Und wer kennt unsere Geschichten besser als der Schöpfer der Schreibfeder? Niemand. Er sieht uns ohne Raum und Zeit.

Ich schreibe Geschichten, und ich finde sie faszinierend. Auch die Geschichten im Koran. Das Spannende an einer Biographie ist nicht von außen zu betrachten, sondern nur von einem einzigen Menschen selbst. Er hat die Fähigkeit, seine Biographie mitzuschreiben, indem er entscheidet und auswählt. So ist es eine persönliche Entscheidung, mit wem man sein Leben verbringen möchte. Genauso ist es wichtig, wie man sein Leben verbringen möchte und wie man dazu steht. Im Koran kommt diese Konstante zum Ausdruck, da alle menschlichen Figuren sehr berührt, einsichtig und herzlich agieren. Es gibt Momente, die uns zu Tränen rühren können.

Heute bin ich zu der Erkenntnis gelangt, dass diese koranischen Geschichten alle etwas gemeinsam haben. Sie sind nicht fragil oder halbherzig erzählt, sie sind nicht lückenhaft oder fragmentarisch. Viel mehr sind sie existenziell für unser aller Leben mit zahlreichen Dimensionen, die sich in Raum & Zeit stets neu erschließen lassen. Für jeden Geschichtenerzähler und Poeten ist der Koran noch heute ein Wunderwerk. Bei jeder Lektüre offenbart sich der Koran neu, sogar in fremden Sprachen birgt der Koran diese Kraft in sich. Es ist unfassbar. Jeder Schriftsteller wünscht sich, eines Tages auch nur einen einzigen Vers zu schreiben, der an die Herrlichkeit des Korans herankommt.

Aber zum eigentlichen Grund, zur ursprünglichen Frage zurück. Warum „a7san al-qasasi“ (arab. „die schönsten Geschichten“)? Weshalb stehen im Koran die schönsten Geschichten der Menschheit? Ich glaube, eine weitere Antwort auf diese Frage ist der Wille und das Wollen Gottes. In keiner Stelle des Korans kommt der Böse davon. Und nie lässt Allah den Guten im Stich. Und Allah tadelt die „Guten“, wie er auch die „Bösen“ ermahnt, damit sie nicht doch vielleicht umkehren. Aber letztendlich bekommt jeder, was er verdient. Nicht nur nach Gottes Willen, sondern auch gemäß logischer Schlussfolgerung. Und diese Gewissheit, dass kein Schmerz und keine Wohltat, wie auch kein Unrecht verloren geht, ist fantastisch. Manchmal gibt es viel Barmherzigkeit von göttlicher Seite.

Das Leben erzählt seine Geschichten niemals auf diese Art. Es sind koranische „Happy Ends“ im wahrsten Sinne des Wortes, weil Gott letztendlich weiß, was am besten für seine Geschöpfe ist. Viele Menschen haben ein Problem damit, Happy Ends zu mögen, aber der Koran ist voll von Happy Ends. Es sind keine egoistischen Schlüsse, sondern Schlüsse und Enden im Sinne des Allmächtigen. Wer Ihn kennt, der mag dies erkennen und Zufriedenheit wird in sein Leben kommen. Denn auch die Geschichte jedes einzelnen Menschen erzählt Gott, und Er hat jedem von uns eine Schreibfeder geschenkt. Jeder Mensch ist in der Lage seine Wogen zu glätten, sein bestes zu tun, zu lieben, seine Fehler zu erkennen und aktiv zu werden, wo auch immer er ist. Gott hat uns sehr viel gegeben.

Das musste Er nicht machen. Er musste uns nicht erschaffen. Er musste uns nicht schön gestalten. Er musste uns keine liebesreiche Gesichter schenken. Er musste gar nichts für uns tun. Und dabei sagte Er uns so viele wichtige Dinge. Das wichtigste ist, dass Er nicht auf unser äußeres Haben und Schauen schaut, sondern auf unser inneres Sein, auf unsere Herzen, was tief in uns an Wünschen, Träumen und Geheimnissen steckt. Darauf schaut Er. Das zählt für Ihn.

Was zählt für uns? Häufig würdigen wir unsere Einbildungen mehr als unsere echten Gefühle. Das macht uns sehr traurig, obwohl wir es nicht sein müssten. Ich weiß, dass es Menschen auf dieser Welt gibt, die andere Menschen sehr vermissen. Was diese Menschen nicht vergessen dürfen ist, dass sie ebenfalls vermisst werden. Wie im Koran fügt Allah die Seelen zusammen, die zusammen gehören, selbst wenn eine davon, nicht dazu in der Lage ist, aus welchen Gründen auch immer. Außerdem weiß ich, dass die schönsten Geschichten diejenigen sind, an die man sich noch Jahre danach erinnert. Insofern zeigt uns die Zeit, was wahre Liebe bedeutet, so wir daran zweifeln. Ich habe die Liebe noch nie angezweifelt, aber auch nur, weil ich Gott niemals anzweifelte und seine Geschichten ebenso wenig. Wenn Sie jemanden vermissen, dann lieben Sie. Je unangenehmer der Sehnsuchtsmoment, desto größer die Liebe.

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