Der kleine Spatz

Es war einmal ein kleiner Spatz, der von einem riesigen Baum hinunterfiel. Er fiel in eine große Vogelmenge. Als er aufstand und der Schmerz nachließ, sah er sich um. Er sah sehr viele Vögel, die gingen, lachten, spielten, gruben, hackten, tranken und aßen. Er sah wie ihn vier Tauben anstarrten und untereinander tuschelten. Danach ging er hastig zu ihnen und fragte sie: „Hallo, ihr großen Tauben! Sagt mal, gibt es hier jemanden, der fliegen kann?“ Die Tauben starrten sich verblüfft an und lachten. „Fliegen? Was meinst du mit fliegen?“ – „Na ich meine fliegen. Mit den Flügeln schlagen. Mit dem Wind ziehen!“ Da sahen die Tauben ein, dass er es ernst meinte und die größte Taube antwortete: „Also von uns hier fliegt niemand! Geh und frag mal einen Papagei! Er könnte dir eher helfen.“ Der kleine Spatz bedankte sich und ging weiter. Nach einigen Stunden durch die Vogelmengen, sah er endlich einen Papagei. Er ging zu ihm hin und sagte: „Hallo, großer Papagei! Sag mal, kennst du jemanden, der fliegen kann?“ Der Papagei beugte sich vor und sah den kleinen Spatz verächtlich an. „Fliegen? Du meinst Fliegenfliegen?“ – „Ja.“ – „Ich fliege nicht. Ich fliege nicht.“ – „Vielleicht kennst du jemanden?!“ – „Was? Wen?“ – „Jemanden, der fliegen kann.“ – „Fliegen? Du meinst Fliegenfliegen?“ – „Ja.“ – „Ich kenne niemanden, der fliegt. Niemanden, der fliegt. Ja. Den kenn‘ ich nicht.“, sagte der Papagei. Der kleine Spatz drehte sich enttäuscht um und ging fort. Er dachte bei sich, dass er wohl niemanden findet, der fliegen kann. Da rannte plötzlich ein Kolibri zu ihm. „Hey du, kleiner Spatz! Ich hörte, du suchst nach jemandem, der fliegen kann. Stimmt das?“ Der kleine Spatz blühte wieder auf und antwortete: „Ja. Das stimmt! Kennst du jemanden?“ – „Natürlich. Ich kenne eine Nachtigall, die singt und fliegt. Du musst einfach nur den dritten Baum in diese Richtung rechts abbiegen und dann einmal nach oben schauen. Sie wohnt im Baum ganz oben.“ – „Ach, mein Bruder Kolibri! Ich danke dir.“ – „Nichts zu danken!“, erwiderte der Kolibri mit errötetem Schnabel und rannte wieder davon.

Der kleine Spatz kam endlich bei dem besagten Baum an und schrie hinauf: „Nachtigall, oh Nachtigall! Komm mal bitte runter da!“ Da rief die Nachtigall mit ihrer lieblichen Stimme: „Welcher Schnabel kann sich da wieder nicht halten!? Einen Moment, ich komme!“ Die Nachtigall sah hinunter auf den kleinen Spatz und war verwirrt. „Ein kleiner Spatz? Was willst du denn von mir? Hast du keine Eltern? Hat dir niemand Anstand beigebracht?“ – „Verzeiht mir, Nachtigall! Ich bin in Eile und man sagte mir, dass Ihr fliegen könnt. Ist das wahr?“ – „Was? Fliegen? Nein. Ich fliege nicht. Ich singe dir ein Liedchen, aber das kostet dich 1.000 Würmer.“ – „Kannst du denn fliegen?“ – „Ja, aber um mich fliegen zu sehen, müsstest du einen Baum in dieser Größe voller Würmer bringen, damit ich das tue. Ich fliege doch nicht zum Spaß.“ Der kleine Spatz war verwirrt. „Aber wozu Würmer? Ich dachte, man braucht nur Flügel, um zu fliegen und die habe ich ja schon.“ – „Ja, das ist wahr, du sturer Spatz! Ich brauche allerdings auch Nahrung und habe nicht die Zeit sinnlos herumzufliegen.“ – „Also, sag mir wenigstens, wo ich fliegen lernen kann bitte!“ – „Du bist wirklich verrückt. Geh weg und komm nie wieder zurück! Ich habe keine Zeit für deine Faksen.“ Die Nachtigall schlug ihre Nesttür wieder zu und zog sich zurück.

Der kleine Spatz war enttäuscht. Die Nachtigall konnte fliegen, aber er konnte es sich nicht einmal leisten, sie fliegen zu sehen. Er war sehr traurig. Da verdunkelte sich plötzlich der Tag für den kleinen Spatz. Er drehte sich um und sah einen riesigen Hahn vor sich stehen. „Du willst also fliegen lernen!“, fragte dieser. „Ja!“, antwortete der kleine Spatz voller Hoffnung. „Aber was hast du denn, mein kleiner Spatz? Geht es dir nicht gut? Bist du auf deinen Kopf gefallen?“ – „Nein! Ich möchte fliegen lernen.“ – „Aber warum?“ – „Das wirst du als Hahn niemals verstehen. Also, geh mir aus der Sonne und gacker mich nicht von der Seite an.“ Der Hahn ging einen Schritt zur Seite und blickte dem kleinen Spatz hinterher, der nun davon stolzierte. Sein Wille war noch immer nicht gebrochen. „Armer kleiner Spatz!“, sagte der Hahn mit traurigem Blick.

Der Spatz lief wieder viele Stunden durch die Vogelmengen und fragte immer und immer wieder, er bekam Antworten und lernte auch korrekte Vögel kennen, die ihn eine Weile begleiteten. Allerdings war er so versessen darauf fliegen zu lernen, dass er eines Tages wieder alleine umher streifte. Dann beschloss er die Vogelmengen zu verlassen und lief eines Tages hinaus auf ein weites grünes Feld. Er war immer noch ein kleiner Spatz, aber etwas erwachsener mit gefärbteren Federn. Drei Geier haben ihn beobachtet und sich unterhalten. „Na, da hat sich wohl jemand verlaufen. Wer von euch hat Appetit auf Spatzenfleisch?“ – „Ach, ich weiß nicht! Der Kleine sieht ganz schön klein und mager aus. Wo ist da das Fleisch? Und er ist klein.“ – „Seit wann bist du so ein Feinschmecker geworden? Los! Hier draußen scheint ja nicht mal die Sonne hin.“ Sie flogen los und wollten sich den kleinen Spatz greifen. Zwei von ihnen überschatteten ihn mit ihren Flügeln. Er sah hinauf und begann schneller zu gehen. Danach packten ihn zwei im Sturzflug und hätten ihn dabei fast auseinander gerissen. Einige seiner Federn wurden zerrupft und nun wurde er geschwind fortgetragen. Er war erschrocken, aber er spürte keine Angst. Er sah hinunter und begriff, dass dies sein Moment war. Er biss sich von den Krallen des Geiers frei und fiel. Der Geier fluchte ihm hinterher. Der kleine Spatz fiel. Er fiel und fiel metertief, bis er sich dazu überwinden konnte, seine Flügel kräftig anzuspannen. Danach bewegte er sie sehr schnell und tatsächlich gelang es ihm, ein Weilchen hoch zu fliegen. Er hatte es geschafft. Er flog durch die Lüfte. Aber die Geier sahen ihn nun in der Luft und waren ganz mürrisch. „Der Kleine fliegt zu schnell, ist zu klein und hässlich ist er auch.“ – „Außerdem kann er jetzt fliegen!“ Sie flogen weiter und der kleine Spatz genoss seine neu erlernte Kunst. Er schrie den Geiern noch hinterher: „Danke meine Feinde, die ihr mich habt fallen lassen, denn erst beim Fallen fanden meine Flügel am Fliegen Gefallen.“

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